Malerin
geboren: 08.07.1593 (Rom)
gestorben: um 1652 (Neapel)


Im Künstlerviertel zu Rom wird am 8. Juli 1593 ganz in der Nähe der Piazza del Popolo Artemisia Gentileschi geboren. Sie ist das erste Kind des Malers Orazio Gentileschi, der 1587 von Pisa nach Rom gekommen war und sich trotz zahlreicher Konkurrenten, darunter auch Caravaggio, bereits einen Namen als Portrait- und Freskenmaler in der Künstlerkolonie gemacht hatte, nicht zuletzt dank der Beziehungen der römischen Familie seiner Frau Prudenzia. Derzeitiger Hauptauftraggeber des dreißig Jahre alten Gentileschi, der eigentlich Lomi heißt, aber der Karriere wegen bei seiner Ankunft in Rom den besser klingenden und bekannteren Mädchennamen seiner Mutter annahm, ist Papst Clemens VIII., für den er u.a. mit der Ausfreskierung der Lateransbasilika beschäftigt ist.
Auch nach der Geburt mehrerer Söhne bleibt Artemisia das Lieblingskind Orazios. Er nimmt seine Tochter an alle Arbeitsstätten mit und unterweist das Mädchen, das eine Abneigung gegen Hausarbeit zeigt und auch wenig daran interessiert ist, Schreiben und Lesen zu lernen, in die Geheimnisse der Malerei ein. Bereits als Fünfjährige hilft Artemisia ihrem Vater bei der Herstellung seiner Farben, bereitet für ihn die Leinwände und den Firnis vor. Im Laufe der Jahre wird sie, obwohl „nur“ ein Mädchen, zu seinem besten Malergehilfen.
Ende Dezember 1605 stirbt Prudenzia Gentileschi kurz nach der Geburt ihres siebten Kindes. Für das Begräbnis seiner Frau - sie und das tote Neugeborene finden wie zu dieser Zeit üblich im Massengrab unter der Kirche Santa Maria del Popolo, wo bereits zwei ihrer Söhne liegen, ihre letzte Ruhestätte - opfert Orazio nicht nur die Mitgift seiner Tochter, sondern verschuldet sich zudem noch über Jahre hinaus.


Eifersüchtig wacht Orazio in der Folgezeit über die Tugend seiner schönen Tochter. Er läßt sie nur noch zum Kirchgang unter Aufsicht aus dem Haus und weist auch alle Heiratskandidaten ab, zum einen wegen der fehlenden Mitgift, zum anderen, weil er sein liebstes Modell behalten will. Darüber hinaus ist Artemisia in Gentileschis Atelier als begabte Malerin längst untentbehrlich geworden. Während der Vater in den Kirchen und Palästen Roms mit der Freskenmalerei beschäftigt ist, arbeitet sie zuhause an den von ihm entworfenen und begonnenen Ölgemälden. Um das Können seiner Tochter zu vervollkommnen, beauftragt er seinen Berufskollegen und besten Freund, Agostino Tassi, mit der Unterrichtung Artemisias' in der Perspektivenmalerei. Dieser nutzt das Vertrauen Orazios' jedoch schamlos aus und vergewaltigt das Mädchen im Mai 1611. Da er der Entehrten die Ehe verspricht, bewahrt sie Stillschweigen und trifft sich monatelang weiter heimlich mit Agostino, bis schließlich ihr Vater dahinterkommt. Orazio läßt Tassi ins Gefängnis werfen. Er will in einem Prozeß erreichen, daß dieser zur Wiederherstellung der Familienehre dazu verurteilt wird, Artemisia zu heiraten. Während des aufsehenerregenden, sich über Monate hinwegziehenden Verfahrens, stellt sich jedoch heraus, daß er sie gar nicht heiraten kann, weil er bereits eine Ehefrau hat. Obwohl Tassi über einflußreiche Freunde verfügt, mit deren Hilfe er nun versucht, Artemisia als Hure hinzustellen, glauben die Richter letztendlich dem Mädchen, das auch unter Folter bei seiner Aussage bleibt, daß er sie gegen ihren Willen entjungfert hat. Tassi wird schuldig gesprochen und für fünf Jahre aus Rom verbannt, was seiner Karriere als Maler nicht sehr zuträglich ist. Aus Angst vor der Rache Tassis bzw. seiner Freunde wird Artemisia, für die inzwischen ein von ihrer Schönheit hingerissener Geistlicher aus seiner Privatschatulle eine beträchtliche Mitgift bereitgestellt hat, einen Tag nach der Urteilsverkündung am 29. November 1612 in der Kirche Santo Spirito in aller Heimlichkeit mit Pierantonio Stiattesi vermählt. Obwohl Orazio an seinem Schwiegersohn kein gutes Haar läßt - er ist zwar auch Maler, aber in seinen Augen ein schlechter, der noch dazu faul und zu sehr an den Vergnügungen des Lebens interessiert ist -, willigt er in die Heirat ein. Artemisia hingegen ist froh, nach dem Skandal überhaupt noch einen Ehemann abbekommen zu haben. Das junge Paar verläßt Rom kurz nach der Trauung in Richtung Florenz, der Geburtsstadt Pierantonios, wo es trotz der düsteren Prophezeiungen von Artemisias' Vater zumindest in den ersten Jahren eine glückliche Ehe führt. Knapp ein Jahr nach der Hochzeit kommt der erste Sohn, Giovan Battista, zur Welt, 1615 der zweite, Cristofano. Dank Pierantonios Verbindungen erhält Artemisia zahlreiche gutbezahlte Aufträge der Florentiner Aristokratie, wird als erste Frau Mitglied der Kunstakademie und ist schon bald über die Grenzen der Toskana hinaus bekannt. Vielerorts werden ihre Hell-Dunkel-Gemälde, die einen extrem hohen Realismus aufweisen, wie z.B. ihre Kompositionen mit Szenen der Judith-Geschichte wie „Die Tötung des Holofernes“, schon bald höher bewertet als die Arbeiten ihres Vaters, der mit seinen drei Söhnen Rom ebenfalls fluchtartig verlassen hatte und sich derzeit in den Marken recht und schlecht sein Brot verdient.
Allerdings gibt Artemisias' Angetrauter das Geld schneller aus als sie arbeiten kann, und sie muß sich immer häufiger um finanzielle Unterstützung an ihre Gönner wenden, zu denen auch Großherzog Cosimo II. de Medici und Michelangelo Buonarroti d.J. gehören.

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Die Tötung des Holofernes (Florenz, Galleria degli Uffizi) - Ölgemälde (um 1620)


1616 sterben Artemisias' Söhne innerhalb weniger Tage an einer ansteckenden Krankheit, und ihre drei Jahre später zur Welt gekommene Tochter Lisabella lebt nur wenige Tage. 1622 kehrt Artemisia mit Pierantonio und der 1617 geborenen Prudenzia, nach Rom zurück, und baut sich mitten im Künstlerviertel, dem Ort ihrer einstigen Schande, eine neue Existenz auf. Das Atelier floriert, und Artemisia, die von zahlreichen Verehrern umschwärmt wird, kann es sich bald leisten, ihren inzwischen zum Trinker gewordenen Ehemann mit einer hohen Geldsumme dazu zu bewegen, Rom auf Nimmerwiedersehen zu verlassen.
Im Jahre 1626 reist Artemisia mit ihrer Tochter für einige Monate nach Venedig und Genua. Sie möchte ihren Vater und ihre Brüder treffen, die sie so viele Jahre nicht mehr gesehen hat, und den Konkurrenzkampf mit Orazio beenden. Orazio Gentileschi jedoch hält sich schon lange nicht mehr in Italien auf. Er war 1624 auf Einladung von Königinmutter Maria de Medici nach Paris gegangen und arbeitete dort u.a. an der Ausschmückung des Palais Luxembourg, bis er schließlich zwei Jahre später als Hofmaler und Geheimbotschafter von Charles I. nach England übersiedelte.
Ein weiterer Grund für die vorübergehende Abwesenheit Artemisias' von Rom ist eine erneute Schwangerschaft. In Padua bringt sie ein Mädchen zur Welt, das sie Francesca nennt. Die Kleine entstammt einer Liaison Artemisias' mit dem Herzog von Alcalà, dem Gesandten des spanischen Königs in Rom.


1630 läßt sich Artemisia mit ihren beiden Töchtern in Neapel nieder, wo der Herzog von Alcalà gerade zum neuen Vizekönig ernannt wurde. Allerdings muß er das Feld schon nach knapp zweijähriger Amtszeit wieder räumen. Bei seiner Rückkehr nach Spanien hat der fanatische Kunstsammler fast achtzig Gemälde an Bord seines Schiffes, darunter mehrere Selbstportraits von Artemisia.
Im Juli 1637 kommt Francesco Gentileschi, der älteste der drei Brüder von Artemisia nach Neapel. Er überbringt ihr eine Einladung von Charles I. nach England. Auch der inzwischen 75jährige Vater Orazio bittet sie um ihr Kommen und um ihre Mithilfe bei der Ausmalung des Queen's House in Greenwich. Nachdem Artemisia ihre Älteste nach langwierigen Verhandlungen und Zahlung einer enormen Mitgift mit einem Mitglied des neuen Amtsadels verheiratet hat, nimmt sie mit ihrer Tochter Francesca tatsächlich die gefährliche Reise durch das vom Krieg geschüttelte Europa auf sich. Im November 1638 treffen die beiden nach einer stürmischen Überfahrt von Den Haag nach Dover in Greenwich ein. Vater und Tochter Gentileschi söhnen sich aus und arbeiten bis zu Orazios' Tod am 7. Februar 1639 gemeinsam an den Fresken des Schlosses der katholischen Gemahlin von Charles I., Henriette Maria von Frankreich.
Orazio Gentileschi findet seine letzte Ruhestätte in Somerset Chapel, der Kapelle der Königin. Seine Söhne und seine Tochter sowie seine Enkeltochter kehren knapp zwei Jahre später auf den Kontinent zurück, kurz vor Ausbruch des Bürgerkriegs in England, der erst 1649 mit der Hinrichtung von König Charles I. auf Veranlassung Oliver Cromwells enden soll.
In Neapel verdient sich Artemsia weiterhin ihren Lebensunterhalt mit der Portraitmalerei für private Kunstsammler und verheiratet ihre Tochter Francesca mit einem Ritter des Jakobsordens. Darüber hinaus schnappt sie dank der Unterstützung „guter Freunde“ am Hofe des Vizekönigs ihren Konkurrenten einen bedeutenden Monumentalauftrag sozusagen vor der Nase weg: Das Atelier Gentileschi wird mit der Ausmalung des Chors der neuen Kathedrale von Pozzuoli betraut.
So alt wie ihr Vater wird Artemsia Gentileschi, die heute allgemein als erste große Malerin gilt und deren Bilder, zusammen mit denen ihres Vaters in den bedeutendsten Museen der Welt zu finden sind, allerdings nicht. Sie stirbt Ende 1652 oder Anfang 1653 noch nicht 60jährig in Neapel, wo sie in der florentinischen Gemeinde beigesetzt wird. Eine Grabplatte gibt es jedoch nicht. Die Archive verzeichnen nur eine Inschrift „Heic Artemisia“ - „Hier ruht Artemsia“.

Quellen: http://www.seilnacht.tuttlingen.com/Lexikon