
Zweiter Teil
Das also ist das himmlische Paradies,
dachte er amüsiert. Seine Empfindungen waren nicht besonders ehrerbietig, wo er doch
anscheinend gerade in den Himmel kam. Während er in enger Flugformation mit den zwei
strahlenden Möwen über die Wolken aufstieg, begann auch sein Gefieder so hell zu
strahlen wie das ihre. Immer hatte hinter den goldenen Augen unwandelbar jung die Möwe
Jonathan existiert, und sie lebte weiter, nur die äußere Form verwandelte sich
Es schien der vertraute Körper zu
sein, doch Jonathan flog besser und leichter als je zuvor. Ich werde mit halber Kraft
zweifache Geschwindigkeit erreichen, dachte er, werde die Leistungen meiner besten
Erdentage verdoppeln.
Sein Gefieder leuchtete jetzt ganz
weiß, und seine Schwingen schimmerten glatt und vollendet wie poliertes Silber. Voller
Freude erprobte er sie und ließ seine Kraft in diese neuen Flügel einströmen.
Bei vierhundert Stundenkilometern
spürte er, daß er sich seiner Höchstgeschwindigkeit im Horizontalflug näherte. Bei
vierhundertfünfzig hatte er das äußerste erreicht und war fast etwas enttäuscht. Auch
dieser neue Körper war also in seinen Möglichkeiten eingeschränkt. Er hatte zwar seinen
früheren Weltrekord überboten, doch immer noch gab es eine Grenze, die ihn zu großen
Anstrengungen herausforderte. Im Himmel, dachte er, im Himmel sollte es keine
Beschrankungen mehr geben.
Die Wolkendecke riß auf, seine
Begleiter riefen: Glückliche Landung, Jonathan,» und lösten sich in durchsichtige
Luft auf. Er schwebte über einem Meer auf eine zerklüftete Küste zu. Einzelne Möwen
kämpften mit den Aufwinden über den Klippen Fern im Norden, fast am Rande des Horizonts,
kreisten noch ein paar Vögel. Neue Ausblicke, neue Gedanken, neue Fragen. Warum nur so
wenig Möwen? Der Himmel müßte voll von Schwärmen sein. Und er war so müde. Im Himmel
dürfte es doch keine Müdigkeit geben. Muß man hier auch schlafen? Schlafen? Wo hatte er
das Wort gehört? Die Erinnerung an sein Erdendasein verflüchtigte sich. Gewiß war die
Erde ein Platz gewesen, wo er manches gelernt hatte, aber die Einzelheiten verschwammen.
Futter suchen oder so ähnlich und ja Verbannung.
Die Möwen vor der Küste flogen ihm
zur Begrüßung entgegen, doch gaben sie keinen Schrei, keinen Laut ab. Trotzdem fühlte
er, daß er willkommen war und daheim. Es war ein großer Tag für ihn, aber an den
Sonnenaufgang dieses Tages erinnerte er sich nicht mehr.
Er kreiste tiefer, flatterte nah
über dem Boden fast auf der Stelle, dann setzte er leicht auf dem Sand auf. Die anderen
Möwen aber landeten schwebend, keine bewegte auch nur eine Feder. Die schimmernden
Flügel weit ausgespannt drehten sie in den Wind, dann änderten sie, Gott weiß wie, die
Stellung der Schwungfedern und kamen im Augenblick zum Stillstand, da sie mit den Füßen
den Boden berührten. Die vollkommene Korperbeherrschung war herrlich. Doch Jonathan war
zu müde, es auch so zu versuchen. Da, wo er aufgesetzt hatte, war er im Stehen
eingeschlafen.
Dann folgte ein Tag dem anderen. Auch
hier übte Jonathan unablässig neue Flugtechniken wie in dem Leben, das hinter ihm lag.
Nur eines war anders. Die Möwen hier fühlten wie er. Jede einzelne erstrebte die
höchste Vollkommenheit auf dem Gebiet, das allen das wichtigste war: dem Fliegen Es waren
großartige Vögel, alle. Täglich verbrachten sie viele Stunden damit, ihre Flugtechnik
zu üben und sich im Kunstflug zu erproben.
Jonathan vergaß alles Frühere.
Versunken war die Welt, aus der er gekommen war, vergessen der Schwärm, der die Augen
gegen die Herrlichkeit des Fliegens verschlossen hatte und die Flügel einzig als Mittel
zum Zweck beim Futtersuchen und Raufen um die Nahrung gebrauchte. Doch ab und an blitzte
sekundenlang die Erinnerung auf, und dann kamen die Fragen. So geschah es an einem Morgen,
als sein Lehrer und er nach einer Serie von Loopings mit anliegenden Flügeln auf dem
Wasser ausruhten.
«Wo sind sie denn alle, Sullivan?»
dachte er. Er war jetzt mit der mühelosen Gedankenübertragung vertraut, die hier das
Kreischen und Krächzen der Möwen auf der Erde ersetzte. «Wieso sind nicht mehr von uns
hier? Es gab doch
»
«
Tausende und Abertausende von
Möwen ich weiß.» Sullivan schüttelte den Kopf. «Ich kenne nur eine Antwort,
Jonathan. Du bist wahrscheinlich einer unter Millionen, die große Ausnahme. Die meisten
von uns sind nur ganz allmählich weitergekommen, von einer Welt in die nächste, die dann
anders war. Wir vergaßen sofort, woher wir gekommen waren, und es kümmerte uns nicht,
wohin wir gingen. Wir lebten nur für den Augenblick. Es ist kaum vorstellbar, durch wie
viele Leben wir hindurch mußten, bis wir verstanden, daß Leben mehr ist als Fressen und
Kämpfen und eine Vormachtstellung im Schwarm einnehmen. Tausend Leben, zehntausend, und
danach vielleicht noch hundert Leben, ehe uns die Erkenntnis aufdämmerte, daß es so
etwas gibt wie Vollkommenheit, und dann nochmals hundert Leben, um endlich als Sinn des
Lebens die Suche nach der Vollkommenheit zu sehen und zu verkündigen. Diese Regel gilt
auch jetzt. Wir erlangen die nächste Welt nach dem, was wir in dieser gelernt haben.
Lernen wir nichts hinzu, so wird unsere nächste Welt nicht anders sein als diese, sie
bietet die gleichen Beschränkungen, und es gilt, die gleiche bleischwere Last zu
überwinden».
Er breitete die Schwingen aus und
wendete den Kopf in den Wind. «Du aber, Jon», sagte er, «hast so viel auf einmal
gelernt, daß du nicht durch viele tausend Leben mußtest, um hierher zu gelangen». Und
wieder schwangen sie sich in die Lüfte und setzten ihre Übungen fort. Beim Fliegen in
der Formation waren die Drehungen um die eigene Achse besonders schwierig, da die Hälfte
der Flugfigur Rückenlage erforderte. Jonathan mußte dabei umdenken, mußte die Flügel
zurückstoßen und die Flugelhaltung genau auf die seines Mentors abstimmen. Immer wieder
sagte Sullivan: «Versuchen wir es noch einmal, versuchen wir es noch einmal.» Und
endlich sagte er: «Gut.» Und sie begannen eine neue Figur zu üben.
Hatten die Möwen keine Nachtflüge,
so hockten sie beisammen und meditierten. An einem Abend faßte Jonathan sich ein Herz und
näherte sich dem Ältesten, der sich, wie es hieß, bald über diese Welt hinaus erheben
würde.
«Chiang
», begann er ein wenig
unsicher.
Der Uralte sah ihn gütig an. «Ja,
mein Sohn?» Das Alter hatte ihn nicht geschwächt, sondern gestärkt. Er konnte jede
andere Möwe im Flug überholen und kannte Techniken, die die anderen erst ganz
allmählich erlernten.
«Diese Welt ist gar nicht das
himmlische Paradies, nicht wahr, Chiang?»
Im Mondlicht sah er, daß der
Älteste ihm freundlich zunickte. «Du hast wieder etwas dazugelernt, Jonathan», sagte
er.
«Und was geschieht nachher? Wohin
kommen wir dann? Gibt es gar ein Paradies?»
«Nein, Jonathan, einen solchen Ort
gibt es nicht. Das himmlische Paradies ist kein Ort und ist keine Zeit. Paradies, das ist
Vollkommenheit.» Er schwieg einen Augenblick. «Du bist ein sehr rascher Flieger, nicht
wahr?»
«Ich
ich liebe die
Geschwindigkeit», sagte Jonathan betroffen, aber doch stolz, daß es dem Ältesten
aufgefallen war. «Du wirst zum ersten Mal den Rand des Paradieses streifen, wenn du die
vollkommene Geschwindigkeit erreicht hast. Und das bedeutet nicht, daß du in der Stunde
tausend oder hunderttausend Kilometer zurücklegen kannst. Selbst wenn du mit der
Geschwindigkeit des Lichtes fliegen würdest, hättest du nicht die Vollkommenheit
erreicht. Alle Ziffern sind Begrenzungen, Vollkommenheit aber ist grenzenlos. Vollkommene
Geschwindigkeit, mein Sohn, das heißt ganz dasein.»
Dann war Chiang plötzlich ohne ein
weiteres Wort verschwunden und tauchte im gleichen Augenblick weit entfernt an der Küste
auf, verschwand sofort wieder und stand neben Jonathan. «Das macht Spaß», sagte er.
Jonathan war völlig verblüfft. Er
vergaß alle weiteren Fragen nach dem Paradies. «Wie machst du das? Was empfindet man
dabei? Wie weit kannst du dich entfernen?»
«Man kann überall hinkommen, man
muß es nur wirklich wollen. Ich bin überall gewesen und in allen Zeiten, die ich mir
vorstellen kann.» Sinnend blickte der Älteste über das Meer. Seltsam. Möwen, die um
ihrer begrenzten Wege und Ziele willen die Vollkommenheit des Fliegens verachten, kommen
nur langsam vorwärts und nirgendwo an. Die aber um der Vollkommenheit willen des Weges
nicht achten, kommen in Sekundenschnelle überall hin. Bedenke immer, Jonathan das
himmlische Paradies findet sich nicht in Raum oder Zeit, denn Raum und Zeit sind
bedeutungslos. Das Paradies ist
»
«Kannst du mich lehren, auch so zu
fliegen?» Jonathan bebte vor Sehnsucht nach dem Unbekannten.
«Gewiß, wenn du es lernen
möchtest.»
«So gern. Wann können wir
anfangen?»
«Wenn du willst, sofort.»
«Ich möchte so fliegen lernen,»
sagte Jonathan, und seine Augen strahlten vor Eifer. «Sag mir, was ich tun soll.»
Chiang setzte seine Worte bedächtig
und sah die jüngere Möwe dabei unentwegt prüfend an. «Um in Gedankenschnelle zu
fliegen, ganz gleich an welchen Ort, mußt du schon vor Beginn wissen, daß du bereits
dort angekommen bist.»
Nach Chiangs Worten mußte man also
als erstes aufhören, sich selbst als Gefangenen eines irdisch-begrenzten Körpers zu
empfinden, dessen Flügelspannweite etwa einen Meter betrug und dessen Leistungsfähigkeit
sich mit Hilfe graphischer Darstellung berechnen ließ. Die Voraussetzung für das
Gelingen lag in dem Bewußtsein, daß das wahre Sein so vollkommen ist wie eine nicht
aufgeschriebene, wie eine abstrakte Zahl und überall zugleich existiert, unabhängig von
Zeit und Raum.
Vom Morgengrauen an, noch vor
Sonnenaufgang und lange bis nach Mitternacht überließ Jonathan sich mit Leidenschaft
seinen Versuchen. Aber alle seine Anstrengungen halfen ihm nicht weiter.
«Vergiß alles Wissen», sagte ihm
Chiang wieder und wieder. «Du hast es nicht gebraucht, um zu fliegen, du hast einfach
fliegen müssen. Und jetzt ist es das gleiche. Versuche es noch einmal
»
Und eines Tages war es soweit
Jonathan. ruhte auf dem Strand aus. Mit geschlossenen Augen versenkte er sich ganz in
sich, und in jähem Begreifen fühlte er, was Chiang gemeint hatte. «Natürlich. So ist
es. Ich bin. Ich bin eine vollkommene, durch nichts beschränkte Möwe!» Glück
durchströmte ihn wie ein heftiger Schreck.
«Gut,» sagte Chiang. Seine Stimme
klang triumphierend. Jonathan machte die Augen auf. Er stand ganz allein neben dem
Ältesten an einer gänzlich fremd anmutenden Küste Bäume wuchsen bis an den Saum
des Ozeans hinab, und zu Häupten kreiste ein Zwillingsgestirn gelber Sonnen.
«So hast du es endlich erreicht»,
sagte Chiang, «aber du mußt noch weiter daran arbeiten, dich selbst zu steuern
»
Jonathan war überwältigt. «Wo sind
wir?»
Den Ältesten ließ die fremde Umwelt
kühl. Er tat die Frage ziemlich gleichgültig ab. «Wir sind auf irgendeinem Planeten,
wie es scheint. Er hat einen grünen Himmel und eine doppelte Sonne.» Jonathan stieß vor
Entzücken einen hellen Schrei aus, den ersten Laut, seit er die Erde verlassen hatte.
«Es ist gelungenl»
«Natürlich ist es gelungen, Jon»,
sagte Chiang. «Es gelingt immer, wenn du genau weißt, was du willst. Und nun zu der
Selbststeuerung
»
Als sie zurückkamen, war es schon
dunkel. Die anderen Möwen betrachteten Jonathan, und in ihren goldenen Augen stand
ehrfürchtige Scheu. Sie hatten gesehen, wie er urplötzlich von der Stelle, auf der er
lange Zeit wie angewurzelt verharrt hatte, verschwunden war. Er ließ sich aber nicht
lange bewundern. «Ich bin hier noch ein Neuling. Ich fange ja erst an. Ich bin es, der
von euch lernen muß.»
«Ich bin aber doch überrascht»,
sagte Sullivan, der unweit von ihm stand. «In all den zehntausend Jahren hab ich keine
Möwe gesehen, die so furchtlos alles Neue erlernen will wie du.» Die anderen Möwen
nickten dazu. Jonathan trippelte vor Verlegenheit von einem Fuß auf den anderen.
«Wenn du willst, werden wir uns als
nächstes mit der Zeit beschäftigen», sagte Chiang. «Du wirst lernen, durch
Vergangenheit und Zukunft zu fliegen. Wenn dir das möglich ist, dann erst kannst du das
Allerschwerste, das Großartigste, das Schönste beginnen. Dann erst kannst du dich dazu
aufschwingen, das wahre Wesen von Güte und Liebe zu begreifen.»
Ein Monat verging, oder vielmehr ein
Zeitraum, der sich wie ein Monat ausnahm. Jonathan lernte außerordentlich schnell. Er
hatte schon sehr rasch Fortschritte gemacht, als er noch aus der praktischen Erfahrung
lernte, nun aber, als Einzelschuler des Altesten selbst, verarbeitete er die neuen Ideen
wie ein stromlinienförmiger, gefiederter Computer.
Doch dann kam ein Tag, an dem Chiang
endgültig verschwand. Zuvor hatte er noch einmal lautlos die ganze Gemeinschaft ermahnt,
niemals das Lernen aufzugeben, unentwegt weiter zu üben und danach zu streben, das
vollkommene, unsichtbare Prinzip alles Lebens zu erfahren. Dabei wurde sein Gefieder
lichter und lichter, und zuletzt erstrahlte es in solchem Glanz, daß die Möwen geblendet
die Augen abwenden mußten.
«Jonathan, erlerne die Liebe.» Das
waren seine letzten Worte. Als die Blendung der Augen nachließ, weilte Chiang nicht mehr
unter ihnen.
Und die Zeit verrann. Immer häufiger
mußte Jonathan jetzt an die Erde zurückdenken, von der er einst gekommen war. Hätte er
dort unten nur ein Zehntel, nur ein Hundertstel von dem gekannt, was er jetzt wußte,
wieviel sinnvoller wäre sein Leben gewesen. Er stand im Sand und fragte sich, ob es dort
unten vielleicht wieder eine Möwe gäbe, die ihre Grenzen zu überwinden trachtete, eine
Möwe, der das Fliegen mehr bedeutete als nur Fortbewegung zu dem Ziel, ein paar Brocken
Brot von einem Fischkutter zu ergattern. Vielleicht war wieder eine Möwe in Verbannung
geschickt worden, weil sie gewagt hatte, dem großen Schwarm die Wahrheit zu sagen. Und je
länger Jonathan sich um Güte bemühte, je mehr er danach strebte, das Wesen der Liebe zu
begreifen, desto größer wurde sein Verlangen, zur Erde zurückzukehren. Trotz der
Vereinsamung in seinem vergangenen Erdendasein war Jonathan im Grunde der geborene Lehrer.
So gab es für ihn nur eine einzige Möglichkeit, der Liebe zu dienen: Er mußte die von
ihm erkannte Wahrheit weitergeben an eine Möwe, die auch die Sehnsucht nach Wahrheit in
sich trug.
Sein Lehrer Sullivan war bereits
Meister im gedankenschnellen Flug und half den anderen bei ihren Übungen. Er hatte seine
Zweifel.
«Du bist früher auf der Erde ein
Ausgestoßener gewesen, Jon. Wie kannst du glauben, daß dir jetzt auch nur eine Möwe aus
deiner Vergangenheit zuhören würde? Du kennst doch das Sprichwort: Am weitesten sieht,
wer am höchsten fliegt. Dann steckt Weisheit. Die Möwen, von denen du abstammst, kleben
am Boden und zetern und streiten miteinander. Unendlich weit sind sie vom Himmel entfernt
und da glaubst du, du kannst ihnen von ihrem Standort aus den Himmel öffnen? Sie
können doch nicht über ihre eigenen Flügelspitzen hinausblicken. Bleib bei uns, Jon.
Hilf den Anfängern hier. Sie sind schon weiter, sie können erkennen, was du ihnen zeigen
willst.»
Er schwieg einen Augenblick, dann
fuhr er fort: «Wenn Chiang in seine früheren Welten zurück gekehrt wäre, wo warst du
jetzt?»
Diese Bemerkung gab den Ausschlag.
Sullivan hatte recht. «Am weitesten sieht, wer am höchsten fliegt.» So blieb Jonathan
und arbeitete mit den Neulingen, die alle klug und lernbegierig waren. Doch die alten
Wünsche kehrten wieder. Immer stärker und häufiger mußte er an die Erde zurückdenken
und daß ihn dort vielleicht ein oder zwei Möwen als Lehrer brauchten. Wieviel weiter
wäre er selber gekommen, wäre Chiang bei ihm in der Verbannung gewesen.
«Ich muß zurück, Sully», sagte er
schließlich. «Deine Schüler entwickeln sich gut. Sie können dir bei den Neulingen
helfen.»
Sullivan seufzte und widersprach
nicht länger. «Du wirst mir sehr fehlen, Jonathan.»
«Schäm dich, Sully!» sagte
Jonathan vorwurfsvoll. Sei nicht töricht. Was üben wir denn jeden Tag? Wäre
unsere Freundschaft von Raum und Zeit abhängig, dann taugte sie nichts mehr, sobald wir
Raum und Zeit hinter uns lassen. Überwinde den Raum, und alles, was uns übrigbleibt, ist
Hier. Überwinde die Zeit, und alles, was uns übrigbleibt, ist Jetzt. Und meinst du nicht
auch, daß wir uns im Jetzt und Hier begegnen könnten?»
Trotz seines Kummers wurde Sullivan
wieder fröhlich. Du komischer, du verrückter Vogel», sagte er zärtlich.
Wenn überhaupt einer den beschränkten Möwen auf der Erde Weitblick beibringen
kann, dann bist du es.» Er starrte in den Sand. Leb wohl, Jon, mein Freund.»
«Leb wohl, Sully. Wir sehen uns
wieder.» Im Geist sah er große Mowenschwärme an den Küsten einer anderen Welt und
Zeit. Aus langer Übung hatte er die innere Gewißheit, daß er selbst kein Wesen aus
Knochen und Federn mehr war, sondern die reine Idee des freien Fluges, der keine Grenzen
kennt.
Auf der Erde lebte ein Möwenvogel,
der hieß Fletcher Lynd Er war noch sehr jung, doch hatte er schon böse Erfahrungen
hinter sich und meinte, daß kein anderer je so hart von seinem Schwarm behandelt, daß
niemandem je solches Unrecht angetan worden wäre.
«Mir ganz gleich, was sie sagen»,
dachte er wütend, und ihm verschwamm alles vor den Augen, als er auf die Fernen Klippen
der Verbannung zuflog. «Fliegen ist doch wichtiger als nur von einem Ort zum nächsten zu
sausen. Das kann jede Mücke! Eine kleine Rolle in der Luft rund um den Ältesten, nur so
aus Spaß, und schon haben sie mich ausgestoßen. Sind sie denn blind? Können sie sich
das Glück gar nicht vorstellen, das richtiges Fliegen mit sich bringt? Mir ganz gleich,
was sie denken. Ich werde ihnen zeigen, was Fliegen heißt. Ich breche das Gesetz
sie wollen es ja nicht anders. Das wird ihnen noch leid tun
»
Da vernahm er eine Stimme, die aus
seinem Innern zu kommen schien. Sie tönte ganz sanft und erschreckte ihn doch so sehr,
daß er erstarrte und durch die Luft taumelte.
«Denk nicht so hart über sie, Möwe
Fletcher Lynd, die anderen haben sich nur selbst geschadet, als sie dich ausstießen.
Eines Tages werden auch sie begreifen, eines Tages werden auch sie sehen, was du siehst.
Vergib ihnen und hilf ihnen.»
Kaum einen Zoll entfernt von ihm
segelte wie schwerelos und ohne eine einzige Feder zu ruhren die reinste, strahlendste
Möwe der Welt. Mühelos hielt sie sein Tempo, das für ihn schon Höchstgeschwindigkeit
war.
Der junge Vogel war völlig verwirrt.
«Was ist das? Traume ich? Bin
ich tot? Was ist das?»
Leise und ruhig tönte die Stimme aus
seinem Herzen fort und verlangte nach Antwort. «Möwe Fletcher Lynd, willst du fliegen?»
«Ja, ich will fliegen!» «Willst du
es so sehr, daß du bereit bist, deinem Schwarm zu vergeben, da du lernen willst und nur
lernen und dann zu ihnen zurückzukehren und ihnen helfen, damit auch sie verstehen?»
Diesem glorreichen, überlegenen
Wesen gegenüber gab es kein Ausweichen. So sehr der junge Vogel auch noch an seinem
gekränkten Stolz litt, er mußte nachgeben.
«Ich bin bereit.»
«Nun,» erklang es liebevoll aus dem
strahlenden Wesen, «dann wollen wir mit dem Horizontalflug beginnen
»
Fortsetzung folgt..... |