Autor: Richard Bach

Dritter Teil

Jonathan kreiste langsam über den fernen Klippen und sah aufmerksam in die Höhe. Dieser widerborstige junge Fletcher war ein Flugschüler, wie man ihn sich besser nicht wünschen konnte. Er war leicht und kräftig und flink in der Luft, aber weit wichtiger war, daß er nichts sehnlicher wünschte, als richtig fliegen zu lernen.

Da tauchte er auf, ein verwischter grauer Fleck im sausenden Sturzflug. Er schoß an seinem Lehrer vorbei, zog dann unvermittelt wieder hoch zu einem neuen Versuch mit einer vertikalen langsamen Rolle mit sechzehn Umdrehungen. Er zählte die Umdrehungen laut mit.

«acht…neun…zehn…Jonathan, Jonathan, die Geschwindigkeit reicht nicht aus…elf…ich will-kurze-scharfe-Stops-wie-du…zwölf…verdammt-ich krieg's-nicht-hin…dreizehn…noch…drei ohne vierzehn…aaakk!»

Die letzte Drehung schlug durch seinen Ärger und seine Wut über das Versagen völlig fehl. Fletcher kippte nach hinten um, taumelte, trudelte, warf sich wutentbrannt in einen einwärtsdrehenden Kreiselflug und fing sich endlich krächzend einige hundert Meter unterhalb von seinem Lehrer ab.

«Du vergeudest deine Zeit mit mir, Jonathan! Ich bin zu dumm! Ich bin ein Idiot! So oft ich es auch probiere, ich kriege es nicht hin!»

Jonathan blickte zu ihm hinab und nickte. «Du wirst es bestimmt nicht schaffen, so lange du so hart hochziehst. Du verlierst zu viel Geschwindigkeit, bevor du die Rolle beginnst. Du mußt weicher sein, Fletcher! Energisch, aber nicht krampfhaft! Denk daran.» Er senkte sich zu der jungen Möwe hinab. «Versuchen wir es gemeinsam, in Formation. Achte genau auf das Hochziehen. Man muß weich und leicht hineingehen.»

Drei Monate waren vergangen. Jonathan hatte inzwischen sechs weitere Schüler, lauter Außenseiter, die aus Freude am Fliegen neugierig waren auf die seltsamen neuen Ideen. Freilich war es für sie leichter, die hohe Kunst zu erlernen, als die Idee zu erfassen, die dahinterstand.

«In jeder einzelnen von uns ist in Wahrheit das Ideal der Großen Möwe, die unbegrenzte Idee der Freiheit», erklärte Jonathan ihnen abends auf dem Strand wieder und wieder.

«Der Präzisionsflug ist nur ein Schritt weiter in der Darstellung unserer wahren Natur. Wir müssen alle Begrenzung hinter uns lassen. Deshalb üben wir Spitzengeschwindigkeiten, Langsamflug und Flugakrobatik…»

...und seine Schüler schliefen dabei ein, erschöpft vom Tagespensum. Sie liebten ihre Übungsstunden, die aufregenden Geschwindigkeiten, die ihren Hunger nach mehr Können von Stunde zu Stunde erhöhten. Aber nicht einer von ihnen konnte glauben, daß der Gedankenflug ebenso Reales sei wie die Bewegung ihrer Schwingen, die sie durch die Lüfte trugen.

«Der ganze Körper ist von einer Flügelspitze zur anderen nichts anderes als Gedanke», sagte Jonathan. «Geist in sichtbarer Gestalt. Durchbrecht die Beschränktheit eures Denkens, und ihr zerbrecht damit auch die Fesseln des Körpers…» Aber was er ihnen auch sagte, es klang nur wie wunderschöne Phantasien, die sie angenehm einschläferten.

Nach einem Monat erklärte Jonathan, die Zeit sei reif, um zum Schwarm zurückzukehren. «Wir sind noch nicht so weit!» sagte die Möwe Henry. «Man will uns da nicht haben. Wir sind ausgestoßen. Wir wollen uns nicht aufdrängen, wo man uns nicht haben will.» «Wir sind frei, wir können fliegen, wohin wir wollen, und sein, was wir sind», erwiderte Jonathan. Er hob sich vom Sand ab und wandte sich gen Osten zu den Heimatgründen des Schwarmes. Seine Schüler zauderten. Die Gesetze des Schwarmes erlauben keinem Verbannten jemals die Heimkehr, und noch nie hatte einer sie zu brechen gewagt. Das Gesetz befahl ihnen, zu bleiben; Jonathan gebot ihnen heimzufliegen. Er hatte schon eine große Strecke zurückgelegt, wenn sie noch länger zögerten, würde er allein bei dem feindlich gesinnten Schwarm eintreffen. Fletcher Lynd meinte betont selbstsicher: „Eigentlich brauchen wir dem Gesetz gar nicht zu gehorchen, schließlich gehören wir dem Schwarm ja gar nicht mehr an.» «Und wenn es zu einem Kampf kommt, müssen wir Jonathan dort helfen.»

Und so flogen sie denn an jenem Morgen von Westen her ein, acht Möwen in einer doppelten Formation; die Flügelspitzen überlagerten einander fast. Pfeilschnell überflogen sie den Versammlungsplatz des Schwarms, Jonathan hielt die Spitze, Fletcher glitt leicht an seinem rechten Flügel dahin, und Henry hielt sich tapfer an seinem linken Flügel. Dann rollte die geschlossene Formation wie ein einziger Vogel langsam rechts ab…zog gerade…drehte nochmals…und wieder gerade. Und der Wind peitschte über sie hinweg.

Das alltägliche Gekrächz und Gekrakel des Schwarms verstummte wie abgeschnitten, als ob die Formation ein Riesenmesser wäre. Viertausend Augenpaare starrten ohne zu blinkern zu ihnen empor. Die acht weißen Vögel zogen nun einer nach dem anderen im steilen Winkel hoch zum Überschlag in ein volles Looping, schwebten durch eine vollkommene Kreisbahn und setzten alle exakt gleichzeitig in einer unglaublich langsamen Landung auf dem Sande auf. Als sei das alles etwas ganz Alltägliches, begann Jonathan ihre Flugleistung zu anaiysieren.

«Erstens», sagte er trocken, «seid ihr alle beim Aufschließen etwas zu spät dran gewesen.» Der Schwarm war wie vom getroffen. Das sind die ausgestoßenen Vögel. Sie kommen einfach zurück Das kann es doch nicht geben. Der Schwarm war völlig verwirrt und wie erstarrt. Fletchers Kampfansage bewahrheitete sich nicht.

Ein paar jüngere Möwen krächzten: «Und wenn es zehnmal die Verbannten sind, wo haben die so fliegen gelernt?»

Es dauerte fast eine Stunde, bis der Befehl des Ältesten sich im ganzen Schwarm herumgesprochen hatte: Ignorieren! Jede Möwe, die mit einem Verbannten redet, wird ausgestoßen. Jede Möwe, die einen Verbannten auch nur ansieht, bricht das Gesetz des Schwarms. Immer mehr Möwen wandten ihre graugefiederten Rücken Jonathan zu, aber er beachtete das gar nicht und hielt seine Übungsstunde direkt über dem Versammlungsplatz der Möwen ab. Er holte aus seinen Schülern das Äußerste heraus, trieb sie bis an die Grenze ihrer Kräfte. «Möwe Martin, du glaubst, du beherrschst den Langsamflug? Beweis es. Los. Fliegen.»

Der schüchterne kleine Vogel Martin war tief erschrocken, daß er so in das Schußfeld seines Mentors geraten war. Er mußte allen Mut zusammenreißen und wurde zu seiner eigenen Überraschung ein wahrer Hexenmeister im Langsamflug. Selbst in leisester Brise vermochte er die Schwingfedern so zu stellen, daß sich ohne einen Flügelschlag vom Sand emporhob und hoch zu den Wolken hinaufsegelte und wieder zurück. Auch die Möwe Charles schwebte auf dem Großen Bergwind so hoch hinauf, daß sie zitternd vom Kälte, überrascht von der eigenen Leistung und überglücklich herunterkam, fest entschlossen, morgen noch höher hinaufzusteigen.

Fletcher liebte vor allem die Flugakrobatik Auch er überbot mit sechzehn Umdrehungen beim Langsamrollen in der Vertikale seinen eignen Rekord. Am folgenden Tag schloß er sogar mit einem dreifachen Radschlag ab, wie ein blendender weißer Sonnenstrahl kreiste er über dem Strand, von dem ihn mehr als ein Augenpaar verstohlen beobachtete.

Jonathan war ständig bei seinen Schülern, demonstrierend, beschwörend, antreibend, leitend. Aus Sport flog er mit ihnen durch Nacht und Wolken und Stürme, während sich die Möwen des Schwarms armselig auf dem Erdboden aneinanderdrängten.

Nach den Flugstunden ruhten sich die Schüler mit ihrem Lehrer immer auf dem Strand aus, und allmählich hörten sie doch zu, wenn er ihnen seine Ideen entwickelte. Einige klangen ziemlich verrückt, sie verstanden sie nicht, einige aber begriffen sie schon. Mit der Zeit bildete sich nachts ein zweiter Kreis um den Ring der Schüler, ein Kreis aus neugierigen jungen Möwen, die im Schutz der Dunkelheit stundenlang zuhörten. Sie wollten nicht gesehen werden und selbst niemanden sehen und schlichen sich vor Morgengrauen verstohlen davon. Und eines Tages überschritt die erste Möwe aus dem Schwärm die Grenzlinie zum inneren Ring und bat um Aufnahme in die Lehrstunde. Dadurch gehörte nun auch die MöweTerrence zu den Verbannten unter den Vögeln, war behaftet mit dem Makel des Ausgestoßenen und wurde gleichzeitig der achte Schüler Jonathans.

Eine kranke Möwe gab es im Schwärm, sie hieß Kirk Maynard. Sie watschelte in der folgenden Nacht mit hängendem linken Flügel über den Sand heran und plumpste vor Jonathan in den Sand. «Hilf mir», krächzte sie matt wie ein Sterbender. «Ich wünsche nichts in der Welt so sehr, wie fliegen zu können..»

«Dann komm», sagte Jonathan. «Steig mit mir vom Boden auf, fangen wir an».

«Du hast mich nicht verstanden. Mein Flügel. Er ist gelähmt.»

«Möwe Maynard, du bist frei. Sei, was du bist, entfalte dein wahres Selbst — jetzt und hier, und nichts kann dir im Wege stehen. So will es das Gesetz der Großen Möwe, das Gesetz des Seins.»

«Willst du sagen, daß ich fliegen kann?»

«Ich sage, du bist frei.» Und Kirk Maynard breitete die Flügel aus, ganz einfach und rasch und erhob sich mühelos in die dunkle Nachtluft.

Sein Jubel riß den Schwarm aus dem Schlaf. Aus großer Höhe erklang sein machtvoller Schrei: «Ich kann fliegen! Hört, ich kann fliegen!»

Bei Sonnenaufgang standen fast tausend Vögel um den Ring der Schüler und starrten Kirk Maynard neugierig an. Sie achteten nicht mehr darauf, ob man sie dabei sah oder nicht, sie hörten dem Unterricht zu und suchten zu verstehen.

Jonathan sprach von einfachen Dingen — daß Möwen zum Fliegen da sind, daß die wahre Natur ihres Wesens Freiheit ist, daß sie alles, was dieser Freiheit im Wege steht, abtun müssen, Sitten und Bräuche und jegliche Beschränkung.

«Was heißt abtun?» erklang eine Stimme aus dem Schwarm. «Sollen wir das Gesetz des Schwarmes nicht achten?»

«Es gibt nur ein wahres Gesetz, das in die Freiheit führt», sagte Jonathan. «Es gibt kein anderes.»

«Wie kannst du erwarten, daß wir so fliegen wie du?» fragte eine andere Stimme. «Du bist ein Auserwählter, ein Begabter, ein Göttlicher, hoch über allen anderen Vögeln.»

«Seht Fletcher an. Lowell. Charles. Sind sie alle auserwählt, begabt und göttlich? Sie sind nicht anders als ihr, nicht anders als ich. Der einzige Unterschied ist, daß sie ihre eigentliche Natur zu erkennen beginnen und angefangen haben, danach zu handeln.»

Die Schüler trippelten unbehaglich hin und her, nur Fletcher nicht. Es war ihnen noch gar nicht bewußt geworden, was sie eigentlich unternommen hatten.

Die Menge wurde täglich größer, stellte Fragen, bewunderte, beschimpfte.

«Im Schwarm behaupten sie» erzählte Fletcher seinem Lehrer nach einer Lehrstunde im Geschwindflug für Fortgeschrittene, «wenn du nicht göttlicher Herkunft bist, dann bist du zumindest deiner Zeit um Jahrtausende voraus.»

Jonathan seufzte. Das ist der Preis, dachte er, man wird mißverstanden, wird für einen Teufel gehalten oder für einen Gott. «Und was denkst du, Fletcher — sind wir unserer Zeit voraus?»

Langes Schweigen lastete. Endlich kam die Antwort. «Die Kunst des Fliegens ist real und jederzeit für jeden erlernbar, dem der Sinn danach steht; das hat nichts mit der Zeit zu tun. Wir sind den anderen vielleicht weit voraus in der Form, in der Art des Fliegens.»

«Das klingt schon besser», sagte Jonathan und zog schwebend und glänzend seine Kreise. «Das hast du nicht schlecht ausgedrückt.»

Genau eine Woche später geschah etwas. Fletcher demonstrierte vor neuen Schülern die Grundsätze des pfeilschnellen Fluges. Er hatte sich nach einem rasenden Sturzflug elegant abgefangen, schoß ein paar Zentimeter über dem Sand waagrecht dahin. Es war, als zeichne er einen grauen Strich in die Luft. Da geriet ihm ein junger Vogel direkt in die Flugbahn. Es war sein erster Gleitflug, jämmerlich schrie er nach seiner Mutter. Ein Zusammenstoß schien unvermeidlich. Im Bruchteil einer Sekunde verriß Fletcher scharf nach links und prallte in höchster Geschwindigkeit gegen eine Klippe aus Granit. Er empfand keinen Schmerz. Es war, als sei der Felsen ein gewaltiges ehernes Tor zu einer anderen Welt. Er ertrank in einer Woge aus Entsetzen und Schrecken, alles wurde schwarz, dann fand er sich in einem sehr seltsamen Himmel treibend und vergaß, was geschehen war, und erinnerte sich und vergaß, betrübt und bang und traurig und voll Reue. Und da ertönte wieder die Stimme in ihm und neben ihm wie an jenem ersten Tag, da er Jonathan begegnet war. «Wir müssen versuchen, unsere Grenzen in der rechten Ordnung geduldig zu überwinden. Einen Felsen zu durchfliegen, das ist noch zu früh, das ist ein späterer Lehrstoff.

«Jonathan.»

«Jawohl, angeblich der Göttliche», erwiderte sein Lehrer trocken.

«Was machst du hier? Die Klippe? Bin ich nicht eben.. .bin ich nicht tot?»

«Ach, du närrischer Vogel. Denk nach. Wenn du jetzt mit mir reden kannst, bist du doch nicht tot. Was dir da eben geglückt ist, ist nur ein Wechsel der Bewußtseinsebene. Allerdings ziemlich heftig. Jetzt darfst du wählen. Du kannst bleiben und auf dieser Ebene weiterlernen, die beträchtlich höher ist als die frühere, oder du kannst zurückkehren und bei deinem Schwarm weiter lehren. Die Ältesten haben immer gewartet, daß es ein Unglück geben würde, jetzt sind sie zufrieden, daß du ihnen den Gefallen getan hast».

«Ich will zurück zum Schwärm, selbstverständlich. Ich habe doch mit disr neuen Gruppe eben erst angefangen».

«Sehr gut, mein Sohn. Denk daran, was du gelernt hast: Der Körper ist nur der personifizierte Gedanke…» Fletcher schüttelte verwirrt den Kopf, spannte die Flügel aus und öffnete die Augen. Und er befand sich wieder am Fuß der Klippe. Um ihn hatte sich der SchwArm versammelt. Als er sich bewegte, lief ein gewaltiges Getöse aus Krächzen und Kreischen durch die Menge.

«Er lebt! Er, der schon tot war, lebt!» «Der Göttliche hat ihn nur mit der Flügelspitze berührt. Er hat ihn zum Leben erweckt.»

«Nein. Er leugnet seine göttliche Herkunft. Er ist der Teufel. DerTeufel, der die Gemeinschaft des Schwarms zerbrechen will.» Die Masse der Möwen fürchtete sich wegen der Dinge, die sich zugetragen hatten.

Der Schrei Teufel! lief wie ein Wind durch die Menge, brauste wie der Sturmwind vom Meer. Augen starrten glasig, scharfe Schnäbel rückten enger zusammen. Mord drohte.

«Möchtest du fort, mein Sohn?» fragte Jonathan. «Ja, es wäre wohl besser». Im selben Augenblick schwebten sie beide eine halbe Meile weit entfernt, und die scharfen Schnäbel des Pöbels stachen ins Leere.

«Warum ist es nur so furchtbar schwer, einen Vogel von seiner Freiheit zu überzeugen», sagte Jonathan sinnend. «Jeder ist frei und kann seine Freiheit nutzen — er muß sie nur üben. Ist das denn wirklich so schwierig?» Fletcher blinzelte, noch schwindlig vom raschen Wechsel der Umgebung. «Was hast du jetzt gemacht? Wie sind wir hierhergekommen?» «Du wolltest doch weg von diesem mordlustigen Pöbel?»

«Gewiß, aber wie hast du... « «Wie? Genauso wie alles andere, Fletcher. Es ist Übung.»

Im Laufe des Morgens vergaß der Schwarm seine Tollheit wieder, doch Fletcher nicht.

«Jonathan, erinnerst du dich, was du mir vor sehr langer Zeit einmal gesagt hast — daß man den Schwarm so sehr lieben muß, daß man zurückkehrt und ihm hilft?» «Sicher» «Ich begreife nicht, wie du einen Mob lieben kannst, der eben noch versucht hat, dich umzubringen» «Oh, Fletcher, den Mob liebt man nicht! Man liebt nicht den Haß und das Böse, natürlich nicht. Du bist noch unerfahren, du mußt dich ständig bemühen, die wahre Möwe, den guten Kern in jeder einzelnen von ihnen, zu erkennen. Du mußt ihnen helfen, sich selbst zu sehen. Das meine ich mit Liebe. Hat man sie gefunden, dann macht alles Freude. Ich kannte einmal einen wilden jungen Vogel, der hieß Fletcher Lynd. Er war ausgestoßen aus seinem Schwärm, und er faßte seine Artgenossen deswegen und wollte sie bis auf den Tod bekämpfen. Und damit schuf er sich seine eigene bittere Hölle draußen auf den Fernen Klippen. Und heute ist er hier und ist dabei, sich seinen eigenen Himmel zu erbauen, weil er seinen Schwarm auf den richtigen Weg führen will».

Fletcher sah seinen Lehrer an. In seinen Augen blitzte sekundenlang die Angst auf. «Ich — sie führen? Was meinst du damit, daß ich sie führen soll? Du bist hier der Lehrer. Du könntest sie nicht verlassen».

«Könnte ich nicht? Zahllose Schwärme gibt es und zahllose ruppige Möwen wie einst jener Fletcher. Meinst du nicht auch, daß sie mich mehr brauchen als diese da, die schon unterwegs sind zum Licht?»

«Aber ich? Jon, ich bin nur eine gewöhnliche Möwe, du... «

«Bist ein Göttlicher, willst du sagen?» Jonathan seufzte und sah über das Meer hinaus. «Du brauchst mich nicht mehr. Was du brauchst, ist Selbstvertrauen. Finde zu dir selbst täglich ein wenig mehr Finde die wahre, unbegrenzt freie Möwe Fletcher. Sie wird dein Lehrer sein.» Und Jonathans Körper flimmerte in der Luft, erstrahlte und wurde durchsichtig. «Laß nicht zu, daß sie dumme Gerüchte über mich verbreiten oder mich zum Gott erklären. Ich bin nur eine Möwe. Ich liebedas Fliegen, vielleicht…»

«Jonathan!»

«Mein armer Sohn. Trau deinen Augen nicht. Was immer sie dir zeigen, es ist nur Begrenztheit. Trau deinem Verstand, hebe ins Bewußtsein, was in dir ist, und du wirst wissen und fliegen.»

Der Strahlenglanz erlosch. Die Möwe Jonathan hatte sich in Luft aufgelöst. Und ihr Schüler flog schwerfällig auf, wandte sich unter grauem Himmel heimwärts und nahm seine Pflicht bei neuen Schülern auf, die begierig auf ihre erste Lehrstunde warteten. Ernst und bedrückt begann er. «Ihr müßt vor allem verstehen, daß die Möwe die absolute Idee der Freiheit ist, das Abbild der Großen Möwe. Und der Körper ist von Flügelspitze zu Flügelspitze nichts weiter als der Gedanke selbst.»

Die jungen Möwen blickten ihn unsicher an. Hallo, dachten sie, das klingt aber gar nicht nach Flugregeln. Fletcher seufzte und wollte noch einmal von vorn anfangen. «Ja — na schön», sagte er plötzlich und musterte sie kritisch. «Fangen wir mit dem Tiefflug an.» Und indem er das sagte, begriff er urplötzlich, daß sein Freund wahrhaftig nicht um ein Haar göttlicher gewesen war als er selbst.

Keine Grenzen, Jonathan, dachte er. Die Zeit ist nicht mehr fern, da auch ich aus der durchsichtigen Luft heraus auf deinem Strand erscheinen und dir zeigen kann, was Fliegen in Freiheit bedeutet. Und obwohl er sich vor seinen Schülern streng gab, sah er sie plötzlich alle so, wie sie wirklich waren. Und was er in ihnen sah, erfüllte ihn über Anerkennung hinaus mit tiefer Liebe. Grenzenlos. Jonathan, dachte er und war glücklich. Der Weg zur Erkenntnis war beschritten, der Kampf in ständigem Lernen hatte begonnen.