Dritter Teil

Jonathan kreiste langsam über den
fernen Klippen und sah aufmerksam in die Höhe. Dieser widerborstige junge Fletcher war
ein Flugschüler, wie man ihn sich besser nicht wünschen konnte. Er war leicht und
kräftig und flink in der Luft, aber weit wichtiger war, daß er nichts sehnlicher
wünschte, als richtig fliegen zu lernen.
Da tauchte er auf, ein verwischter
grauer Fleck im sausenden Sturzflug. Er schoß an seinem Lehrer vorbei, zog dann
unvermittelt wieder hoch zu einem neuen Versuch mit einer vertikalen langsamen Rolle mit
sechzehn Umdrehungen. Er zählte die Umdrehungen laut mit.
«acht
neun
zehn
Jonathan,
Jonathan, die Geschwindigkeit reicht nicht aus
elf
ich
will-kurze-scharfe-Stops-wie-du
zwölf
verdammt-ich
krieg's-nicht-hin
dreizehn
noch
drei ohne vierzehn
aaakk!»

Die letzte Drehung schlug durch
seinen Ärger und seine Wut über das Versagen völlig fehl. Fletcher kippte nach hinten
um, taumelte, trudelte, warf sich wutentbrannt in einen einwärtsdrehenden Kreiselflug und
fing sich endlich krächzend einige hundert Meter unterhalb von seinem Lehrer ab.
«Du vergeudest deine Zeit mit mir,
Jonathan! Ich bin zu dumm! Ich bin ein Idiot! So oft ich es auch probiere, ich kriege es
nicht hin!»
Jonathan blickte zu ihm hinab und
nickte. «Du wirst es bestimmt nicht schaffen, so lange du so hart hochziehst. Du
verlierst zu viel Geschwindigkeit, bevor du die Rolle beginnst. Du mußt weicher sein,
Fletcher! Energisch, aber nicht krampfhaft! Denk daran.» Er senkte sich zu der jungen
Möwe hinab. «Versuchen wir es gemeinsam, in Formation. Achte genau auf das Hochziehen.
Man muß weich und leicht hineingehen.»
Drei Monate waren vergangen. Jonathan
hatte inzwischen sechs weitere Schüler, lauter Außenseiter, die aus Freude am Fliegen
neugierig waren auf die seltsamen neuen Ideen. Freilich war es für sie leichter, die hohe
Kunst zu erlernen, als die Idee zu erfassen, die dahinterstand.
«In jeder einzelnen von uns ist in
Wahrheit das Ideal der Großen Möwe, die unbegrenzte Idee der Freiheit», erklärte
Jonathan ihnen abends auf dem Strand wieder und wieder.
«Der Präzisionsflug ist nur ein
Schritt weiter in der Darstellung unserer wahren Natur. Wir müssen alle Begrenzung hinter
uns lassen. Deshalb üben wir Spitzengeschwindigkeiten, Langsamflug und
Flugakrobatik
»
...und seine Schüler schliefen dabei
ein, erschöpft vom Tagespensum. Sie liebten ihre Übungsstunden, die aufregenden
Geschwindigkeiten, die ihren Hunger nach mehr Können von Stunde zu Stunde erhöhten. Aber
nicht einer von ihnen konnte glauben, daß der Gedankenflug ebenso Reales sei wie die
Bewegung ihrer Schwingen, die sie durch die Lüfte trugen.
«Der ganze Körper ist von einer
Flügelspitze zur anderen nichts anderes als Gedanke», sagte Jonathan. «Geist in
sichtbarer Gestalt. Durchbrecht die Beschränktheit eures Denkens, und ihr zerbrecht damit
auch die Fesseln des Körpers
» Aber was er ihnen auch sagte, es klang nur wie
wunderschöne Phantasien, die sie angenehm einschläferten.
Nach einem Monat erklärte Jonathan,
die Zeit sei reif, um zum Schwarm zurückzukehren. «Wir sind noch nicht so weit!» sagte
die Möwe Henry. «Man will uns da nicht haben. Wir sind ausgestoßen. Wir wollen uns
nicht aufdrängen, wo man uns nicht haben will.» «Wir sind frei, wir können fliegen,
wohin wir wollen, und sein, was wir sind», erwiderte Jonathan. Er hob sich vom Sand ab
und wandte sich gen Osten zu den Heimatgründen des Schwarmes. Seine Schüler zauderten.
Die Gesetze des Schwarmes erlauben keinem Verbannten jemals die Heimkehr, und noch nie
hatte einer sie zu brechen gewagt. Das Gesetz befahl ihnen, zu bleiben; Jonathan gebot
ihnen heimzufliegen. Er hatte schon eine große Strecke zurückgelegt, wenn sie noch
länger zögerten, würde er allein bei dem feindlich gesinnten Schwarm eintreffen.
Fletcher Lynd meinte betont selbstsicher: Eigentlich brauchen wir dem Gesetz gar
nicht zu gehorchen, schließlich gehören wir dem Schwarm ja gar nicht mehr an.» «Und
wenn es zu einem Kampf kommt, müssen wir Jonathan dort helfen.»
Und so flogen sie denn an jenem
Morgen von Westen her ein, acht Möwen in einer doppelten Formation; die Flügelspitzen
überlagerten einander fast. Pfeilschnell überflogen sie den Versammlungsplatz des
Schwarms, Jonathan hielt die Spitze, Fletcher glitt leicht an seinem rechten Flügel
dahin, und Henry hielt sich tapfer an seinem linken Flügel. Dann rollte die geschlossene
Formation wie ein einziger Vogel langsam rechts ab
zog gerade
drehte
nochmals
und wieder gerade. Und der Wind peitschte über sie hinweg.
Das alltägliche Gekrächz und
Gekrakel des Schwarms verstummte wie abgeschnitten, als ob die Formation ein Riesenmesser
wäre. Viertausend Augenpaare starrten ohne zu blinkern zu ihnen empor. Die acht weißen
Vögel zogen nun einer nach dem anderen im steilen Winkel hoch zum Überschlag in ein
volles Looping, schwebten durch eine vollkommene Kreisbahn und setzten alle exakt
gleichzeitig in einer unglaublich langsamen Landung auf dem Sande auf. Als sei das alles
etwas ganz Alltägliches, begann Jonathan ihre Flugleistung zu anaiysieren.
«Erstens», sagte er trocken, «seid
ihr alle beim Aufschließen etwas zu spät dran gewesen.» Der Schwarm war wie vom
getroffen. Das sind die ausgestoßenen Vögel. Sie kommen einfach zurück Das kann es doch
nicht geben. Der Schwarm war völlig verwirrt und wie erstarrt. Fletchers Kampfansage
bewahrheitete sich nicht.
Ein paar jüngere Möwen krächzten:
«Und wenn es zehnmal die Verbannten sind, wo haben die so fliegen gelernt?»
Es dauerte fast eine Stunde, bis der
Befehl des Ältesten sich im ganzen Schwarm herumgesprochen hatte: Ignorieren! Jede Möwe,
die mit einem Verbannten redet, wird ausgestoßen. Jede Möwe, die einen Verbannten auch
nur ansieht, bricht das Gesetz des Schwarms. Immer mehr Möwen wandten ihre
graugefiederten Rücken Jonathan zu, aber er beachtete das gar nicht und hielt seine
Übungsstunde direkt über dem Versammlungsplatz der Möwen ab. Er holte aus seinen
Schülern das Äußerste heraus, trieb sie bis an die Grenze ihrer Kräfte. «Möwe
Martin, du glaubst, du beherrschst den Langsamflug? Beweis es. Los. Fliegen.»
Der schüchterne kleine Vogel Martin
war tief erschrocken, daß er so in das Schußfeld seines Mentors geraten war. Er mußte
allen Mut zusammenreißen und wurde zu seiner eigenen Überraschung ein wahrer
Hexenmeister im Langsamflug. Selbst in leisester Brise vermochte er die Schwingfedern so
zu stellen, daß sich ohne einen Flügelschlag vom Sand emporhob und hoch zu den Wolken
hinaufsegelte und wieder zurück. Auch die Möwe Charles schwebte auf dem Großen Bergwind
so hoch hinauf, daß sie zitternd vom Kälte, überrascht von der eigenen Leistung und
überglücklich herunterkam, fest entschlossen, morgen noch höher hinaufzusteigen.
Fletcher liebte vor allem die
Flugakrobatik Auch er überbot mit sechzehn Umdrehungen beim Langsamrollen in der
Vertikale seinen eignen Rekord. Am folgenden Tag schloß er sogar mit einem dreifachen
Radschlag ab, wie ein blendender weißer Sonnenstrahl kreiste er über dem Strand, von dem
ihn mehr als ein Augenpaar verstohlen beobachtete.
Jonathan war ständig bei seinen
Schülern, demonstrierend, beschwörend, antreibend, leitend. Aus Sport flog er mit ihnen
durch Nacht und Wolken und Stürme, während sich die Möwen des Schwarms armselig auf dem
Erdboden aneinanderdrängten.
Nach den Flugstunden ruhten sich die
Schüler mit ihrem Lehrer immer auf dem Strand aus, und allmählich hörten sie doch zu,
wenn er ihnen seine Ideen entwickelte. Einige klangen ziemlich verrückt, sie verstanden
sie nicht, einige aber begriffen sie schon. Mit der Zeit bildete sich nachts ein zweiter
Kreis um den Ring der Schüler, ein Kreis aus neugierigen jungen Möwen, die im Schutz der
Dunkelheit stundenlang zuhörten. Sie wollten nicht gesehen werden und selbst niemanden
sehen und schlichen sich vor Morgengrauen verstohlen davon. Und eines Tages überschritt
die erste Möwe aus dem Schwärm die Grenzlinie zum inneren Ring und bat um Aufnahme in
die Lehrstunde. Dadurch gehörte nun auch die MöweTerrence zu den Verbannten unter den
Vögeln, war behaftet mit dem Makel des Ausgestoßenen und wurde gleichzeitig der achte
Schüler Jonathans.
Eine kranke Möwe gab es im Schwärm,
sie hieß Kirk Maynard. Sie watschelte in der folgenden Nacht mit hängendem linken
Flügel über den Sand heran und plumpste vor Jonathan in den Sand. «Hilf mir»,
krächzte sie matt wie ein Sterbender. «Ich wünsche nichts in der Welt so sehr, wie
fliegen zu können..»
«Dann komm», sagte Jonathan.
«Steig mit mir vom Boden auf, fangen wir an».
«Du hast mich nicht verstanden. Mein
Flügel. Er ist gelähmt.»
«Möwe Maynard, du bist frei. Sei,
was du bist, entfalte dein wahres Selbst jetzt und hier, und nichts kann dir im
Wege stehen. So will es das Gesetz der Großen Möwe, das Gesetz des Seins.»
«Willst du sagen, daß ich fliegen
kann?»
«Ich sage, du bist frei.» Und Kirk
Maynard breitete die Flügel aus, ganz einfach und rasch und erhob sich mühelos in die
dunkle Nachtluft.
Sein Jubel riß den Schwarm aus dem
Schlaf. Aus großer Höhe erklang sein machtvoller Schrei: «Ich kann fliegen! Hört, ich
kann fliegen!»
Bei Sonnenaufgang standen fast
tausend Vögel um den Ring der Schüler und starrten Kirk Maynard neugierig an. Sie
achteten nicht mehr darauf, ob man sie dabei sah oder nicht, sie hörten dem Unterricht zu
und suchten zu verstehen.
Jonathan sprach von einfachen Dingen
daß Möwen zum Fliegen da sind, daß die wahre Natur ihres Wesens Freiheit ist,
daß sie alles, was dieser Freiheit im Wege steht, abtun müssen, Sitten und Bräuche und
jegliche Beschränkung.
«Was heißt abtun?» erklang eine
Stimme aus dem Schwarm. «Sollen wir das Gesetz des Schwarmes nicht achten?»
«Es gibt nur ein wahres Gesetz, das
in die Freiheit führt», sagte Jonathan. «Es gibt kein anderes.»
«Wie kannst du erwarten, daß wir so
fliegen wie du?» fragte eine andere Stimme. «Du bist ein Auserwählter, ein Begabter,
ein Göttlicher, hoch über allen anderen Vögeln.»
«Seht Fletcher an. Lowell. Charles.
Sind sie alle auserwählt, begabt und göttlich? Sie sind nicht anders als ihr, nicht
anders als ich. Der einzige Unterschied ist, daß sie ihre eigentliche Natur zu erkennen
beginnen und angefangen haben, danach zu handeln.»
Die Schüler trippelten unbehaglich
hin und her, nur Fletcher nicht. Es war ihnen noch gar nicht bewußt geworden, was sie
eigentlich unternommen hatten.
Die Menge wurde täglich größer,
stellte Fragen, bewunderte, beschimpfte.
«Im Schwarm behaupten sie»
erzählte Fletcher seinem Lehrer nach einer Lehrstunde im Geschwindflug für
Fortgeschrittene, «wenn du nicht göttlicher Herkunft bist, dann bist du zumindest deiner
Zeit um Jahrtausende voraus.»
Jonathan seufzte. Das ist der Preis,
dachte er, man wird mißverstanden, wird für einen Teufel gehalten oder für einen Gott.
«Und was denkst du, Fletcher sind wir unserer Zeit voraus?»
Langes Schweigen lastete. Endlich kam
die Antwort. «Die Kunst des Fliegens ist real und jederzeit für jeden erlernbar, dem der
Sinn danach steht; das hat nichts mit der Zeit zu tun. Wir sind den anderen vielleicht
weit voraus in der Form, in der Art des Fliegens.»
«Das klingt schon besser», sagte
Jonathan und zog schwebend und glänzend seine Kreise. «Das hast du nicht schlecht
ausgedrückt.»
Genau eine Woche später geschah
etwas. Fletcher demonstrierte vor neuen Schülern die Grundsätze des pfeilschnellen
Fluges. Er hatte sich nach einem rasenden Sturzflug elegant abgefangen, schoß ein paar
Zentimeter über dem Sand waagrecht dahin. Es war, als zeichne er einen grauen Strich in
die Luft. Da geriet ihm ein junger Vogel direkt in die Flugbahn. Es war sein erster
Gleitflug, jämmerlich schrie er nach seiner Mutter. Ein Zusammenstoß schien
unvermeidlich. Im Bruchteil einer Sekunde verriß Fletcher scharf nach links und prallte
in höchster Geschwindigkeit gegen eine Klippe aus Granit. Er empfand keinen Schmerz. Es
war, als sei der Felsen ein gewaltiges ehernes Tor zu einer anderen Welt. Er ertrank in
einer Woge aus Entsetzen und Schrecken, alles wurde schwarz, dann fand er sich in einem
sehr seltsamen Himmel treibend und vergaß, was geschehen war, und erinnerte sich und
vergaß, betrübt und bang und traurig und voll Reue. Und da ertönte wieder die Stimme in
ihm und neben ihm wie an jenem ersten Tag, da er Jonathan begegnet war. «Wir müssen
versuchen, unsere Grenzen in der rechten Ordnung geduldig zu überwinden. Einen Felsen zu
durchfliegen, das ist noch zu früh, das ist ein späterer Lehrstoff.
«Jonathan.»
«Jawohl, angeblich der Göttliche»,
erwiderte sein Lehrer trocken.
«Was machst du hier? Die Klippe? Bin
ich nicht eben.. .bin ich nicht tot?»
«Ach, du närrischer Vogel. Denk
nach. Wenn du jetzt mit mir reden kannst, bist du doch nicht tot. Was dir da eben
geglückt ist, ist nur ein Wechsel der Bewußtseinsebene. Allerdings ziemlich heftig.
Jetzt darfst du wählen. Du kannst bleiben und auf dieser Ebene weiterlernen, die
beträchtlich höher ist als die frühere, oder du kannst zurückkehren und bei deinem
Schwarm weiter lehren. Die Ältesten haben immer gewartet, daß es ein Unglück geben
würde, jetzt sind sie zufrieden, daß du ihnen den Gefallen getan hast».
«Ich will zurück zum Schwärm,
selbstverständlich. Ich habe doch mit disr neuen Gruppe eben erst angefangen».
«Sehr gut, mein Sohn. Denk daran,
was du gelernt hast: Der Körper ist nur der personifizierte Gedanke
» Fletcher
schüttelte verwirrt den Kopf, spannte die Flügel aus und öffnete die Augen. Und er
befand sich wieder am Fuß der Klippe. Um ihn hatte sich der SchwArm versammelt. Als er
sich bewegte, lief ein gewaltiges Getöse aus Krächzen und Kreischen durch die Menge.
«Er lebt! Er, der schon tot war,
lebt!» «Der Göttliche hat ihn nur mit der Flügelspitze berührt. Er hat ihn zum Leben
erweckt.»
«Nein. Er leugnet seine göttliche
Herkunft. Er ist der Teufel. DerTeufel, der die Gemeinschaft des Schwarms zerbrechen
will.» Die Masse der Möwen fürchtete sich wegen der Dinge, die sich zugetragen hatten.
Der Schrei Teufel! lief wie ein Wind
durch die Menge, brauste wie der Sturmwind vom Meer. Augen starrten glasig, scharfe
Schnäbel rückten enger zusammen. Mord drohte.
«Möchtest du fort, mein Sohn?»
fragte Jonathan. «Ja, es wäre wohl besser». Im selben Augenblick schwebten sie beide
eine halbe Meile weit entfernt, und die scharfen Schnäbel des Pöbels stachen ins Leere.
«Warum ist es nur so furchtbar
schwer, einen Vogel von seiner Freiheit zu überzeugen», sagte Jonathan sinnend. «Jeder
ist frei und kann seine Freiheit nutzen er muß sie nur üben. Ist das denn
wirklich so schwierig?» Fletcher blinzelte, noch schwindlig vom raschen Wechsel der
Umgebung. «Was hast du jetzt gemacht? Wie sind wir hierhergekommen?» «Du wolltest doch
weg von diesem mordlustigen Pöbel?»
«Gewiß, aber wie hast du... «
«Wie? Genauso wie alles andere, Fletcher. Es ist Übung.»
Im Laufe des Morgens vergaß der
Schwarm seine Tollheit wieder, doch Fletcher nicht.
«Jonathan, erinnerst du dich, was du
mir vor sehr langer Zeit einmal gesagt hast daß man den Schwarm so sehr lieben
muß, daß man zurückkehrt und ihm hilft?» «Sicher» «Ich begreife nicht, wie du einen
Mob lieben kannst, der eben noch versucht hat, dich umzubringen» «Oh, Fletcher, den Mob
liebt man nicht! Man liebt nicht den Haß und das Böse, natürlich nicht. Du bist noch
unerfahren, du mußt dich ständig bemühen, die wahre Möwe, den guten Kern in jeder
einzelnen von ihnen, zu erkennen. Du mußt ihnen helfen, sich selbst zu sehen. Das meine
ich mit Liebe. Hat man sie gefunden, dann macht alles Freude. Ich kannte einmal einen
wilden jungen Vogel, der hieß Fletcher Lynd. Er war ausgestoßen aus seinem Schwärm, und
er faßte seine Artgenossen deswegen und wollte sie bis auf den Tod bekämpfen. Und damit
schuf er sich seine eigene bittere Hölle draußen auf den Fernen Klippen. Und heute ist
er hier und ist dabei, sich seinen eigenen Himmel zu erbauen, weil er seinen Schwarm auf
den richtigen Weg führen will».
Fletcher sah seinen Lehrer an. In
seinen Augen blitzte sekundenlang die Angst auf. «Ich sie führen? Was meinst du
damit, daß ich sie führen soll? Du bist hier der Lehrer. Du könntest sie nicht
verlassen».
«Könnte ich nicht? Zahllose
Schwärme gibt es und zahllose ruppige Möwen wie einst jener Fletcher. Meinst du nicht
auch, daß sie mich mehr brauchen als diese da, die schon unterwegs sind zum Licht?»
«Aber ich? Jon, ich bin nur eine
gewöhnliche Möwe, du... «
«Bist ein Göttlicher, willst du
sagen?» Jonathan seufzte und sah über das Meer hinaus. «Du brauchst mich nicht mehr.
Was du brauchst, ist Selbstvertrauen. Finde zu dir selbst täglich ein wenig mehr Finde
die wahre, unbegrenzt freie Möwe Fletcher. Sie wird dein Lehrer sein.» Und Jonathans
Körper flimmerte in der Luft, erstrahlte und wurde durchsichtig. «Laß nicht zu, daß
sie dumme Gerüchte über mich verbreiten oder mich zum Gott erklären. Ich bin nur eine
Möwe. Ich liebedas Fliegen, vielleicht
»
«Jonathan!»
«Mein armer Sohn. Trau deinen Augen
nicht. Was immer sie dir zeigen, es ist nur Begrenztheit. Trau deinem Verstand, hebe ins
Bewußtsein, was in dir ist, und du wirst wissen und fliegen.»
Der Strahlenglanz erlosch. Die Möwe
Jonathan hatte sich in Luft aufgelöst. Und ihr Schüler flog schwerfällig auf, wandte
sich unter grauem Himmel heimwärts und nahm seine Pflicht bei neuen Schülern auf, die
begierig auf ihre erste Lehrstunde warteten. Ernst und bedrückt begann er. «Ihr müßt
vor allem verstehen, daß die Möwe die absolute Idee der Freiheit ist, das Abbild der
Großen Möwe. Und der Körper ist von Flügelspitze zu Flügelspitze nichts weiter als
der Gedanke selbst.»
Die jungen Möwen blickten ihn
unsicher an. Hallo, dachten sie, das klingt aber gar nicht nach Flugregeln. Fletcher
seufzte und wollte noch einmal von vorn anfangen. «Ja na schön», sagte er
plötzlich und musterte sie kritisch. «Fangen wir mit dem Tiefflug an.» Und indem er das
sagte, begriff er urplötzlich, daß sein Freund wahrhaftig nicht um ein Haar göttlicher
gewesen war als er selbst.
Keine Grenzen, Jonathan, dachte er.
Die Zeit ist nicht mehr fern, da auch ich aus der durchsichtigen Luft heraus auf deinem
Strand erscheinen und dir zeigen kann, was Fliegen in Freiheit bedeutet. Und obwohl er
sich vor seinen Schülern streng gab, sah er sie plötzlich alle so, wie sie wirklich
waren. Und was er in ihnen sah, erfüllte ihn über Anerkennung hinaus mit tiefer Liebe.
Grenzenlos. Jonathan, dachte er und war glücklich. Der Weg zur Erkenntnis war
beschritten, der Kampf in ständigem Lernen hatte begonnen.

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