| Der 100. Todestag des ,,Walzerkönigs``
Vater und
Sohn
Johann
Strauß am 3. Juni 1999 bietet für die musikalische Welt Anlass zu mannigfachen
Aktivitäten - weit weniger spektakulär dürfte im selben Jahr das Gedenken an seinen
Vater ausfallen, welcher 1849, also vor 150 Jahren starb:
Grund genug,
um im Folgenden beider Jubilare entsprechend zu gedenken und dabei auch die Geschichte der
fast beispiellosen Karriere von Johann Strauß sen. zu beleuchten, der, zu Lebzeiten
beinahe ebenso berühmt wie (Jahrzehnte später) sein gleichnamiger Sohn, letzterem ein
übermächtiges Erbe hinterließ. Erst nach und nach konnte sich dieser aus dem Schatten
des Vaters lösen und den Ruhm des Vorbilds schließlich einholen, ja übertreffen...
Johann Strauß sen. wurde am 14. März 1804 in einem entlegeneren Teil der Wiener Vorstadt
Leopoldstadt als Sohn eines Bierwirts geboren. Seine unmittelbaren Vorfahren entstammten
vorwiegend dem Raume Wien-Niederösterreich, die erst in den Dreißigerjahren unseres
Jahrhunderts von Ahnenforschern entdeckte Herkunft des Großvaters Johann Michael Strauß,
eines ,,getauften Juden`` aus Ungarn sollte bald darauf im NS-``Reichssippenamt`` für
Aufregung sorgen (die Angelegenheit wurde schließlich in Form einer veritablen
Urkundenfälschung vertuscht!). Das bescheidene Gasthaus, in dem der kleine Johann und
seine Schwester Ernestine zunächst aufwuchsen, lag in der Nähe des Donaukanals, unweit
eines Anlegeplatzes für Holzflöße, und die Klänge volkstümlicher Weisen, produziert
von verschiedenartigsten Musikanten, wie sie - etwa von Schiffen kommend - gerne
einzukehren pflegten, mögen bei dem Knaben schon früh Begeisterung für das Genre
bodenständiger Tanzmusik erweckt haben.
Im übrigen
verlief die Jugendzeit wenig erfreulich: die Mutter starb bereits 1811; fünf Jahre
später wurde der Vater tot aus der Donau geborgen (ein Selbstmord wegen Verschuldung kann
nicht ausgeschlossen werden) - der Halbwüchsige unterzog sich auf Wunsch seines Vormunds
einer Buchbinderausbildung, welche er 1822 abschloss. Daneben nahm er aber auch Unterricht
im Violinspiel und kam schließlich in der Kapelle des populären Michael Pamer unter, wo
er sich mit dem um drei Jahre älteren Geiger Joseph Lanner anfreundete. Dieser gründete
in der Folge ein eigenes Terzett, welches in verschiedenen prominenten Wiener
Gastbetrieben musizierte - schon bald mit Strauß (an der Viola) als Viertem im Bunde. Der
steigende Bekanntheitsgrad des Ensembles (dem auch Schubert im ,,Rebhuhn``, einem seiner
Stammcafés, gerne zuhörte) ermöglichte die Hinzunahme weiterer Musiker, bis 1825 der
Umfang eines kleinen Orchesters erreicht war, dessen Leitung Lanner innehatte. Die
bekannten, immer wieder nachzulesenden Geschichten, wonach Strauß als dessen
,,Stellvertreter`` fungierte und sich, im Gefühl von Benachteiligung, schließlich im
Streit von Lanner trennte, müssen nach heutigen Erkenntnissen zumindest als übertrieben,
jedenfalls nicht belegbar angesehen werden; dennoch hatte Strauß zweifellos Pläne, sich
selbständig zu machen: so beantragte er zu Beginn dieses Jahres einen Reisepass, der es
ihm ermöglicht hätte, ,,in Gratz und kaiserlichen Staaten Verdienst zu suchen``. Bald
darauf eröffnete ihm seine Freundin, die Gastwirtstochter Anna Streim, dass sie von ihm
ein Kind erwarte - nach der (beschleunigten) Hochzeit im Juli kam am 25. Oktober 1825
Johann zur Welt.
Das junge Paar war zunächst mit existentiellen Problemen konfrontiert, so wurde etwa alle
zwei Jahre ein Wohnungswechsel notwendig. Im Mai 1827 - ein paar Monate vor der Geburt des
zweiten Sohnes, Joseph - wurden in der ,,Wiener Zeitung`` erstmals Konzerte Strauß' mit
eigener Kapelle angekündigt, im Februar waren bereits dessen
,,Döblinger-Reunion-Walzer`` bei Diabelli erschienen (der schon zwei Jahre zuvor erste
Lanner'sche Werke veröffentlicht hatte). Von nun an wurde das breitgefächerte Angebot
der Wiener Vergnügungsszene durch beider Programme bereichert, wobei die
Wettbewerbssituation deren Freundschaft auf die Dauer kaum Abbruch tat - zu groß war (vom
Typus her) wohl auch der Unterschied zwischen dem eher gutmütig-phlegmatischen Lanner und
seinem nervösen, von brennendem Ehrgeiz erfüllten Konkurrenten! Die Hektik, der
Erwartungszwang, dem damals ein erfolgreicher Tanzkapellmeister - seinem Publikum
unablässig neue Kompositionen ,,schuldend`` - ausgesetzt war, lässt sich heute nur
schwer nachvollziehen; eine Auflistung Max Schönherrs fasst die Aktivitäten Strauß' und
seiner Kapelle im Jahre 1833 zusammen: ,,Im Fasching: Leitung der Tanzmusik beim Sperl. Ab
Januar bis 25. März. Donnerstag Nachmittags-Unterhaltung in Wagners Kaffeehaus im Prater.
- 10. März bis 11. April. Sonntag Konversation beim Sperl. - 2. Mai bis 25. Juni.
Wiederholt Feste im Tivoli. - 7. Mai bis 15. Oktober. Dienstag Nachmittags-Unterhaltung im
Augarten. - 15. Mai bis 14. September. Mittwoch und Samstag Abend-Assemblée beim Sperl. -
4. Juli bis 20. Oktober. Donnerstag Reunion, Samstag Nachmittags-Unterhaltung beim
Dommayer. - 20. Oktober bis 3. November. Sonntag öffentlicher Ball beim Sperl. - 20.
Oktober bis 3. November. Sonntag Nachmittags-Unterhaltung im Augarten``.
Anschließend unternahm Strauß mit seinen Musikern eine Konzertreise, die ins ungarische
Pest führte; nach seiner Rückkehr bezog die Familie eine ausreichend geräumige, ein
ganzes Stockwerk umfassende Wohnung im ,,Hirschenhaus`` in der Leopoldstadt - dort befand
sich der Vater ,,in einem besonderen Appartement, abgesondert von der Familie... dadurch
kam es, dass er selten eine Ahnung hatte, was in der Familie drüben geschah.`` Beziehen
sich diese Erinnerungen seines Sohnes Johann auch auf berufsbedingte Gegebenheiten, so ist
doch nicht zu bezweifeln, dass sich die Ehe seiner Eltern damals bereits in einem
problematischen Stadium befand.
Das Echo, welches die erste Tournee in in- und ausländischen Zeitungen gefunden hatte,
ermunterte Strauß, diesbezügliche Planungen zu intensivieren, so dass er schließlich im
November 1834 mit 30 Musikern erneut auf Fahrt gehen konnte; das Ziel war zunächst
Berlin, wo Strauß mehrere Konzerte und Bälle mit überwältigendem Erfolg absolvierte,
zuletzt einen Abend im Prinzenpalais in Anwesenheit des Königs von Preußen und des
russischen Zaren. Ebenso erfreulich verliefen Konzerte in Leipzig, Dresden - wo der
sächsische Hof zugegen war - und Prag; den in Wien nach seiner Rückkehr begeistert
Gefeierten erwarteten im neuen Jahr Komplikationen besonderer Art: zwei Monate, nachdem
Anna im März 1835 ihr sechstes Kind, Eduard, geboren hatte, brachte eine 21-jährige
Modistin, Emilie Trambusch, eine Tochter zur Welt, zu der sich Strauß als Vater bekannte.
Die familiären Spannungen eskalierten, zumal dieser sein Verhältnis zu Emilie (sie
sollte ihm insgesamt sieben Kinder schenken!) beibehielt, aber bis 1846 weiter im
,,Hirschenhaus`` wohnte.
In der folgenden Zeit forcierte Strauß seine Reisetätigkeit mit gesteigerter Unrast, so,
als wollte er sich durch ,,Flucht`` der tristen häuslichen Situation entziehen, von der
sein Ältester später meinte, ,,er wisse von seiner Jugend so wenig Gutes zu sagen, dass
er am liebsten davon schweigen möchte``...
Auf zwei
mehrmonatigen Tourneen durch Deutschland, Holland und Belgien erwiesen sich Strauß und
seine Kapelle bereits als Kulturfaktoren von hohem Bekanntheitsgrad: ,,Strauß ist da!
Strauß von Wien! `` hieß es da (laut Zeitungsberichten) in den großen Städten wie
,,Lauffeuer``, der Beifall war ,,oft bis zum Rasen``. In der Beschreibung der Darbietungen
ist von ,,Bizarrerien`` und ,,dämonischer Gewalt`` die Rede, von ,,eigensinnig fein
zugespitzten Druckern und Akzenten`` in seinen Walzern, denen Strauß (,,als
Violinist...bizarr``) durch ,,klare schneidende Bogenstriche scharfe Lichter`` aufsetzte.
Ähnliches berichtete später Richard Wagner, dem von einem Wienaufenthalte im Jahre 1832
her ,,die an Raserei grenzende Begeisterung des wunderlichen Johann Strauß``, dieses
,,Dämonen des musikalischen Volksgeistes ...unvergesslich blieb...``
Im Oktober 1837 startete dieser seine abenteuerlichste Reise: sie sollte über 14 Monate
dauern und führte zunächst nach Paris: unter den Zuhörern befanden sich Komponisten wie
Adam, Auber, Berlioz, Cherubini, Meyerbeer und Paganini. Die Strapazen dieser Tournee, die
sich in der Folge über Belgien und Holland nach London (wo bei der Krönung von Königin
Viktoria musiziert wurde!), dann zurück nach Frankreich und abermals nach England
ausweitete, sind kaum vorstellbar - Strauß, dessen gutherzige Gesinnung sich häufig
hinter seiner schroff-herrischen Art verbarg, war - wie immer - während der Reise in
(auch finanziell) großzügigster Form um das Wohl seiner Musiker bemüht; dennoch kam es
im Zusammenhang mit den England-Gastspielen zu schwerwiegenden Differenzen, die nur mit
Mühe beigelegt werden konnten. Als die Heimfahrt unmittelbar bevorstand, brach Strauß
während eines Konzerts in Calais zusammen. Unter großen Erschwernissen nach Wien
zurückgekehrt, schonte er sich dort nicht lange, was einen neuerlichen Zusammenbruch und
lebensbedrohliche Erkrankung nach sich zog: nur schleppend erholte sich Strauß von der
schweren Krise und war in den nächsten Jahren in erster Linie in seiner Heimatstadt
tätig, wo er und Lanner auf dem musikalischen Sektor alsbald uneingeschränkt
dominierten. Des letzteren plötzlicher Tod (1843) erschütterte Strauß tief; während in
Musikerkreisen über die Nachfolge bei der verwaisten Lanner-Kapelle diskutiert wurde,
musste er entdecken, dass sein Sohn Johann heimlich Violinunterricht nahm, um sich auf die
Musikerlaufbahn vorzubereiten. Es gab, so berichtet jener, ,,eine heftige...Szene. Mein
Vater wollte von meinen Plänen durchaus nichts wissen.`` Das Verbot zeigte indessen keine
Wirkung; die Mutter, welche des Sohnes Pläne vehement unterstützte, reichte die
Scheidung ein, um ein etwaiges Veto des Vaters beim Magistrat zu umgehen: am 15. Oktober
1844 erfolgte das berühmte Debut von Johann Strauß Sohn beim Dommayer.
Über die starrsinnige Haltung des Vaters ist viel geschrieben worden - es scheint jedoch
denkbar, dass nicht so sehr Eifersucht, als vielmehr Sorge um die Zukunft des Sohnes,
dessen Begabung er nicht vorausahnte, seine Reaktionen beeinflusste...
Nun gab es also zwei Strauß-Kapellen in Wien, wodurch in der Folge allerdings des Vaters
überragende Position nicht beeinträchtigt wurde; der Wirkungsbereich des Sohnes schien
sich hingegen nach Anfangserfolgen in eine Art ,,Mittelfeld`` zu verlagern - im Sturmjahr
1848 musizierte dieser übrigens mit seinem Ensemble in Lokalitäten revolutionärer
Gruppierungen, während der ,,Ältere`` (welcher den ,,Radetzkymarsch`` der k. k. Armee
widmete) im wesentlichen seine kaisertreue Gesinnung beibehielt. Im März 1849 startete
der Vater seine letzte europäische Tournee: nach Zwischenfällen in Deutschland, wo er
von Studenten als ,,Reaktionär`` beschimpft wurde, kam es in England zu einem bewegenden
Treffen mit Metternich, der 1848 ins Londoner Exil geflüchtet war.
Zweieinhalb Monate nach der Rückkehr nach Wien starb Strauß völlig überraschend an
einer Scharlachinfektion; Emilie Trambusch verließ die gemeinsame Wohnung mit den Kindern
in Panik - deprimierend wie die Umstände des Todes waren auch die folgenden
Erbstreitigkeiten, da die Kinder aus der Ehe mit Anna testamentarisch auf den Pflichtteil
eingeschränkt worden waren.
In berührenden Nachrufen wiesen Berlioz (Paris) und Hanslick in Wien insbesondere auf die
Bedeutung des Komponisten hin - und in der Tat wäre das Oeuvre der Söhne Johann und
Joseph, die später mit ihren Werken den Namen des Vaters einigermaßen in Vergessenheit
geraten ließen, ohne die Vorbildwirkung des Schöpfers von Walzern wie etwa
,,Donaulieder``, ,,Loreley-Rheinklänge`` oder ,,Die Schwalben`` schwer denkbar.
Schon bald nach Strauß' Tod fiel innerhalb seiner Kapelle die Entscheidung, den Sohn mit
der Leitung zu betrauen, wodurch dessen Tätigkeit schlagartig eine andere Dimension
annahm: bereits im anschließenden Fasching bespielte er einige große Säle, die bisher
dem Vater vorbehalten gewesen waren. Dem nunmehr einsetzenden Stress war der junge Mann
physisch nicht lange gewachsen; bald kam es zum ersten Kollaps. Auch die kompositorische
Beanspruchung nahm zu (ein Vertrag mit dem angesehenen Verleger Haslinger verpflichtete
ihn jährlich zu ,,nicht weniger als fünf und nicht mehr als acht Parteien Walzer`` und
ebenso zu 3 - 5 Quadrillen, 3 - 5 Polkas und 2 - 4 Märschen!); als sich Krankheitsschübe
häuften und das ,,Geschäft`` ernstlich gefährdet schien, wurde Bruder Joseph zum
,,Ersatzmann`` bestimmt: dieser, hochmusikalisch, jedoch als Bautechniker tätig, fügte
sich zunächst nur widerwillig dem Wunsch der Familie - das Ergebnis seines allmählichen
,,Sinnenwandels`` ist bekannt: ein fast 300 Stücke umfassendes, den Schöpfungen des
Bruders an Genialität ebenbürtiges Lebenswerk (geschaffen von einem Frühvollendeten,
der noch weniger als Johann dem zermürbenden Musikbetrieb gewachsen war!).
Die Einbeziehung Josephs in das Konzept der - in Briefen gelegentlich so benannten -
,,Firma`` Strauß erwies sich als zielführend: Johann erholte sich allmählich
gesundheitlich, und der Führungsanspruch der von ihm (nun mit Unterstützung Josephs -
und später auch Eduards) geleiteten Kapelle blieb weiterhin unangefochten, wobei die
Planung des Ganzen alsbald noch komplizierter wurde, da Johann für 1856 einen Vertrag
abschloss, der ihn - bei Fortbestand des Wiener Betriebs - für eine fünfmonatige Saison
ins russische Pawlowsk verpflichtete. Dieses ebenso erfolgreiche wie lukrative
Sommerengagement dauerte - immer wieder verlängert - zunächst bis 1865 und bewirkte
einen beachtlichen Reifungsprozess in den ,,russischen`` Stücken des damals ungewöhnlich
sensibilisierten Komponisten; es kam aber auch zu schwerwiegenden Differenzen mit Joseph,
der sich zu Recht immer wieder von Johann ,,ausgenützt`` fühlte. 1862 verehelichte sich
dieser mit der Sängerin Jetty Treffz; der klugen und lebenserfahrenen Frau - sie war zu
dieser Zeit bereits Mutter von sieben Kindern, ohne je verheiratet gewesen zu sein! -
gelang es bald, Beruhigung in die hektischen Lebensumstände ihres (damals wieder
bedenklich kranken) Gatten zu bringen: so wurde einem erneuten - offensichtlich von ihr
mitformulierten - Ansuchen um den Titel eines k. k. Hofballmusikdirektors unverzüglich
stattgegeben, nachdem vorher zwei ,,Anläufe`` insbesondere wegen Strauß' Haltung im
Jahre 1848 gescheitert waren. Die Folgen dieser Ernennung für den Komponisten waren
bedeutsam; mit der dabei eingegangenen Verpflichtung, in Wien nur mehr bei Elitebällen
sowie im k. k. Volksgarten aufzutreten, war ihm endlich die Möglichkeit gegeben, sich in
ausreichendem Maße dem Schaffen zu widmen. Strauß, welcher die Leitung der Kapelle an
seine beiden Brüder abgab, schrieb in den nächsten Jahren einen Großteil seiner bis
heute berühmten Tanzkompositionen, wie die Walzer
,,Morgenblätter``,
,,Wiener Bonbons``, ,,An der schönen blauen Donau``, ,,Künstlerleben``, ,,Geschichten
aus dem Wienerwald``, ,,Wein, Weib, Gesang``, ,,Freuet Euch des Lebens``, Polkas wie
,,Vergnügungszug``, ,,Leichtes Blut``, ,,Unter Donner und Blitz``, ,,Eljen a Magyar!``,
,,Im Krapfenwaldl``, ...
Im Jahre 1871 erlebte dann die Operette ,,Indigo und die 40 Räuber`` unter allen
Anzeichen einer Sensation im Theater an der Wien ihre Premiere. Die (wohl von finanziellen
Erwägungen mitbestimmte) Entscheidung, sich dem dramatischen Genre zuzuwenden, führte
von Anfang an auch zu kritischen Reaktionen: die völlige Unerfahrenheit Strauß' auf
diesem Gebiet (welche mancherlei ,,Mithilfe`` notwendig machte) zeigte sich nicht nur bei
diesem ,,Erstling``, den Hanslick als ,,Tanzmusik mit unterlegtem Text`` bezeichnete. Vor
allem kam (von wenigen Ausnahmen, wie etwa dem Walzer ,,Wiener Blut`` abgesehen) die
bereits auf hohem Niveau befindliche Produktion ,,absoluter`` Tanzmusik bis in die späten
Achtzigerjahre fast ganz zum Erliegen - an ihre Stelle traten zahllose ,,Tänze nach
Motiven`` der jeweiligen Bühnenwerke, deren musikalisches Material darin nochmals
vermarktet wurde. Dennoch ereignete sich 1873/74 das Wunder der ,,Fledermaus``, deren
Musik Strauß, ,,enflammiert``, wie sonst in keinem Falle mehr, in kurzer Zeit aufs Papier
warf. Dieser Höhenflug konnte in den nächsten Werken nicht beibehalten werden; erst
,,Der lustige Krieg`` von 1881 erwies sich wieder als Publikumsschlager.
Die folgende
,,Nacht in Venedig`` hat ihre Geschichte: 1878 war Jetty plötzlich gestorben; bereits
sieben Wochen später heiratete Strauß eine blutjunge Sängerin, die ihn jedoch nach
einiger Zeit ausgerechnet mit dem Direktor des Theaters an der Wien betrog. Der entnervte
Komponist reichte die Scheidung ein und dirigierte die Premiere dieser Operette (1883)
nicht an dieser Bühne, sondern (einer Einladung folgend) in Berlin, wo das alberne
Textbuch prompt einen Theaterskandal hervorrief... Der ,,Zigeunerbaron`` von 1885, sein
zweiter (und letzter) Bühnenerfolg von Weltrang, entstand bereits im ,,Einflussbereich``
Adeles, seiner späteren dritten Frau, welche - beinahe 30 Jahre jünger als er -,
attraktiv und zielstrebig, zuletzt in zunehmendem Maße die ,,Agenden`` des alternden
Meisters zu übernehmen wusste. Auch gehörte sie zu den Befürwortern von Strauß' ebenso
ehrgeiziger wie verfehlter Idee, eine Oper zu komponieren; als ,,Ritter Pásmán`` nach
mühseliger, dreijähriger Arbeit 1892 einen verschleierten Misserfolg erzielte, kehrte
der Komponist missmutig zum ,,Geschäft`` Operette zurück. Von den letzten vier vor
seinem Tode (1899) geschriebenen Werken sei immerhin ,,Waldmeister`` erwähnt - das
eigentliche künstlerische Resümee seiner Altersperiode stellen aber wohl einige Walzer
großen Formats dar, die er im Verlauf des letzten Jahrzehnts, seiner eigentlichen Domäne
eingedenk (und unbeirrt von Kalamitäten der Bühnenproduktion) niederschrieb: Werke wie
,,Kaiserwalzer``, ,,Märchen aus dem Orient`` oder ,,Seid umschlungen, Millionen`` bilden
ein bewegendes Vermächtnis des ,,späten`` Strauß.
An der schönen blauen DonauText von Franz von Gernerth Musik von Johann Strauß-Sohn
Donau so blau so schön blau durch Tal und Au durch Tal und Au wogst ruhig du hin, wogst
ruhig du hin, dich grüßt unser Wien, ja unser Wien. Dein silbernes Band dein silbernes
Band knüpft Land an Land und fröhliche Herzen schlagen an deinem schönen Strand. Weit
vom Schwarzwald her eilst du hin zum Meer, spendest Segen allerwegen, ostwärts geht dein
Lauf nimmst viele Brüder auf: Bild der Einigkeit für alle Zeit! Alte Burgen seh´n
nieder von den Höh´n grüßen gerne dich von ferne und der Berge Kranz, hell vom
Morgenglanz, spiegelt sich in deiner Wellen Tanz. 15.Februar 1867 Uraufführung der
Walzerfolge "An der schönen blauen Donau" für Männerchor und Klavier beim
Narrenabend des Wiener Männergesang-Vereins im Dianabad-Saal. Die Instrumantalfassung
hatte Strauß bereits Ende 1866 komponiert. Die 3 malige Textierung des Walzers von Josef
Weyl, waren wegen der damals aktuellen Aussagen rasch veraltet.
Johann Strauß Sohn
Zeittafel
- 1801 Joseph Lanner geboren
- 1804 Johann Baptist Strauß
(Vater) geboren
- 1814 Wiener Kongress (bis
1815)
- 1819 Jacques Offenbach und
Franz von Suppé geboren
- 1825 Hochzeit Johann Strauß
- Anna Streim (11.7.) Johann Baptist Strauß (Sohn) geboren (25.10.)
- 1827 Josef Strauß geboren
- 1835 Eduard Strauß geboren
- 1843 Josef Lanner gestorben
- 1844 Debüt Strauß Sohn als
Musikdirektor und Compositeur
- 1846/47 Konzertreisen
Strauß Sohn nach Ungarn, Siebenbürgen und in die Walachei
- 1848 Ausbruch der Revolution
in Wien Strauß Vater: "Radetzkymarsch", Strauß Sohn:
"Revolutionsmarsch", "Barrikadenlieder",
"Ligourianerseufzer"
- 1849 Strauß Vater gestorben
(25.9.)
- 1850 Konzertreise nach
Warschau
- 1852 Johann Strauß
dirigiert bei Hof. Reise nach Hamburg
- 1853 Josef Strauß
debütiert als Musikdirektor
- 1954 Hochzeit des Kaisers
Franz Joseph mit Elisabeth, Prinzessin von Bayern (Strauß: Myrthenkränze-Walzer)
- 1856 Reise nach Pawlowsk
(von da ab alljährlich bis 1865)
- 1857 Josef Strauß heiratet
Karoline Pruckmayer
- 1858 Erste
Offenbach-Operette in Wien
- 1859 Österreich verliert
Feldzug in Oberitalien
- 1860 Offenbachs
"Orpheus in der Unterwelt", bearbeitet von Johann Nestroy, im Carltheater
- 1861 Strauß:
"Perpetuum Mobile"
- 1862 Johann Strauß heiratet
Jetty Treffz (Henriette Chalupetzky); Eduard debütiert als Musikdirektor
- 1863 Johann Strauß wird
"Hofball-Musikdirektor"; C. M. Ziehrer debütiert als Musikdirektor
- 1864 Concordiaball (12.1.):
Offenbachs "Abendblätter" gegen Strauß' "Morgenblätter"
- 1866 Niederlage Österreichs
gegen Preußen. Skizzen zum "Donauwalzer"
- 1867 Josef Strauß:
"Delirien"; Johann Strauß: "An der schönen blauen Donau"
(Faschingsliedertafel)
- 1868 Josef Strauß:
"Sphärenklänge"-Walzer, "Plappermäulchen"-Schnellpolka. Johann
Strauß: "Geschichten aus dem Wienerwald"
- 1869 Johann Strauß:
"Wein, Weib und Gesang"; Josef Strauß: "Mein Lebenslauf ist Lieb´ und
Lust" Mai bis September: Johann und Josef Strauß in Pawlowsk
("Pizzikato"-Polka)
- 1870 Erster Ball der
Gesellschaft der Musikfreunde im neuen Haus. (Johann Strauß: "Freut euch des
Lebens"- Walzer). Ab März Sonntagskonzerte der Kapelle Strauß im Musikverein. Anna
Strauß und Josef Strauß gestorben
- 1871 Johann Strauß bittet
um Enthebung als Hofball-Musikdirektor (Nachfolger: Eduard Strauß) Erste Operette
"Indigo und die 40 Räuber" (Theater an der Wien) - Quodlibet "Alt- und
Neu-Wien" (Theater an der Wien) - Reise nach Baden-Baden
- 1872 Reise nach Boston (USA)
und Baden-Baden
- 1873 Operette "Karneval
in Rom" (Theater an der Wien) - Strauß dirigiert die Philharmoniker beim Opernball
im Musikverein. "Wiener Blut-Walzer Weltausstellung im Prater
- 1874 Operette "Die
Fledermaus" (Theater an der Wien) - Reise nach Italien
- 1875 Operette
"Cagliostro in Wien" (Theater an der Wien) - Neufassung "Reine Indigo"
(Paris)
- 1876 Palais Strauß ersteht
in der Igelgasse - Reise nach Berlin und Leipzig
- 1877 Operette "Prinz
Methusalem" (Carltheater) - Reise nach Paris (Opern-Maskenbälle, Festkonzert);
"Le Tzigane" (Neufassung der "Fledermaus" für Paris)
- 1878 Henriette Strauß
gestorben (8.4.) Johann Strauß heiratet Angelika Dittrich (28.5.) Operette
"Blindekuh" (Theater an der Wien)
- 1880Strauß kauft Landhaus
in Schönau, Niederösterreich. Operette "Das Spitzentuch der Königin" (Theater
an der Wien) Jacques Offenbach in Paris gestorben
- 1881 Operette "Der
lustige Krieg" (Theater an der Wien Brandkatastrophe im Ring-Theater
- 1882 Die Ehe mit Lilly
Strauß geht auseinander. Verbindung mit Adele Strauß.
- 1883
"Frühlingsstimmen"-Walzer Operette "Eine Nacht in Venedig"
(Friedrich-Wilhelmstädtisches Theater, Berlin)
- 1884 Erstes
Strauß-Jubiläum. Verleihung des Bürgerrechtes
- 1885 C. M. Ziehrer wird
Kapellmeister des Deutschmeister-Regiments. Strauß-Operette "Der Zigeunerbaron"
(Theater an der Wien)
- 1886 Johann und Adele
Strauß in Russland
- 1887 Strauß wird Bürger
von Sachsen-Coburg-Gotha - Heirat mit Adele in Coburg Operette "Simplicius"
(Theater an der Wien)
- 1889 Vertrag mit Verlag
Simrock. "Kaiserwalzer" in Berlin
- 1892 Komische Oper
"Ritter Pásmán" (Hofoperntheater Wien)
- 1893 Operette "Fürstin
Ninetta" (Theater an der Wien)
- 1894 Kauf einer Villa in Bad
Ischl. Zweites Strauß-Jubiläum Operette "Jabuka" (Theater an der Wien). Erste
Aufführung der "Fledermaus" in der Hofoper
- 1895 Franz von Suppé
gestorben. Strauß-Operette "Waldmeister" (Theater an der Wien)
- 1897 Operette "Die
Göttin der Vernunft" (Theater an der Wien)
- 1899 Strauß dirigiert die
"Fledermaus-Ouvertüre in der Hofoper (22.5.) Johann Strauß am 3.6. gestorben
Operette "Wiener Blut" (arrangiert von Adolf Müller) im Carltheater
- 1901 Ballett
"Aschenbrödel" (ergänzt von Josef Bayer) im Kgl. Opernhaus Berlin
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